Absurdes Superhelden-Theater: Kritik zu „Birdman oder (die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“

Nadine Emmerich 18. Januar 2015 0
Absurdes Superhelden-Theater: Kritik zu „Birdman oder (die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“

Menschliche Abgründe, Gewalt und Tod sind bislang die Lieblingsthemen des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu gewesen. Seine Trilogie aus „Amores Perros“ (2000), „21 Gramm“ (2003) und „Babel“(2006) sowie das Drama „Biutiful“ schilderten düstere und existenzielle Geschichten. Nun begibt sich Iñárritu mit „Birdman“ auf ein neues Spielfeld: die schwarze Komödie, die auch Hollywood und das Superhelden-Genre auf die Schippe nimmt. Mit neun Nominierungen gilt der Film zusammen mit Richard Linklaters „Boyhood“ als Favorit bei der Oscar-Verleihung am 22. Februar in Los Angeles.

Die besten Zeiten von Riggan Thomson (Michael Keaton, „Batman“), ehemals als Superheld Birdman auf der Kinoleinwand zu erleben, sind vorbei. Die Karriere scheint gelaufen, da will er es nochmal sich und allen anderen zeigen und am New Yorker Broadway ein Theaterstück inszenieren. Das ambitionierte Projekt steht unter keinem guten Stern: Der Hauptdarsteller (Damian Young) wird bei den Proben schwer verletzt und Hauptdarstellerin Lesley (Naomi Watts) schleppt ihren leicht neurotischen Freund Mike Shiner (Edward Norton) als Ersatz an.

Dessen Bekanntheitsgrad lässt zwar die Ticketverkäufe steigen, doch fortan hat der Superheld a.D. auch ein Ensemblemitglied mit Starallüren und Hang zum Besserwissertum an den Hacken. Außerdem schneit alle Nase lang seine in der Vergangenheit bohrende Ex-Frau Sylvia (Amy Ryan) rein, während Töchterchen Sam (Emma Stone) ihm nach ihrem frisch absolvierten Drogenentzug assistiert. Theaterkritikerin Tabitha (Lindsay Duncan) reibt sich derweil schon die Hände, weil sie den fest eingeplanten Verriss der Premiere kaum erwarten kann. Selbst in einer Komödie mit Slapstick-Elementen verpackt Arthouse-Meister Iñárritu allerlei kleine menschliche Dramen und gibt ihr damit einen existenziellen Anstrich.

„Birdman“ ist zudem eine wunderbare und handwerklich exzellent gemachte Satire des US-Filmbetriebs und seiner chronisch gestressten Akteure, bei dem die Grenzen zwischen real und surreal oftmals verschwimmen. Riggan schwebt im Yogasitz durch die Garderobe, setzt Gegenstände telepathisch in Bewegung oder fliegt gar zwischen New Yorks Wolkenkratzer hindurch. Und immer plagt den sympathischen Antihelden eine übernatürliche Stimme in seinem Kopf: Hätte er nicht vielleicht doch einfach „Birdman 4“ drehen sollen?

Iñárritu, für den Brad Pitt („Babel“) schon mal einen anderen Film abgesagt haben soll, hat für sein nahezu ausschließlich im Mikrokosmos Theater spielendes Komödienexperiment erneut eine großartige Darstellerriege um sich geschart – angeführt von Michael Keaton, der dafür jüngst mit einem Golden Globe geehrt wurde und für einen Oscar nominiert ist, sowie Edward Norton. Klitzekleines Manko, falls es denn eins geben sollte: Zum Ende der 120 Minuten hin verlieren die Dialoge ein klein wenig an Witz und der Film damit etwas an Fahrt.

Bei der Verleihung der Golden Globes am 11. Januar konnte sich Regisseur Iñárritu neben der Trophäe für Hauptdarsteller Keaton bereits über den Preis für das beste Drehbuch freuen. Ins 87. Oscar-Finale geht „Birdman“ nun mit Nominierungen für den besten Film, die beste Regie, den besten Hauptdarsteller, den besten Nebendarsteller (Norton), die beste Nebendarstellerin (Stone), das beste Original-Drehbuch, die beste Kamera, den besten Ton und den besten Tonschnitt.

Beitragsbild: Riggan Thomson (Michael Keaton) © 2014 Twentieth Century Fox

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