American Sniper Kritik (2014) – (Un)Moralische Grabenkämpfe

Max Christ 3. März 2015 1
American Sniper Kritik (2014) – (Un)Moralische Grabenkämpfe

Chris Kyle – der mit 160 bestätigten Abschüssen erfolgreichste US-Scharfschütze: Amerikanischer Held oder bezahlter, glorifizierter Massenmörder? Die Debatten, Kritiken und Meinungen haben sich bereits seit langem vom künstlerischen Werk distanziert und liefern sich stattdessen Grabenkämpfe; auf der linken Seite Pazifisten, Kriegsgegner, Antiamerikanisten, auf der rechten Seite schießwütige Republikaner, Waffenfaschisten, Patrioten. Der Protagonist des Films ist Zielscheibe der einen und Leitfigur der anderen, doch Mittel zum Zweck, um die eigenen Ziele voranzubringen, von beiden. Die gleichnamige Bestseller-Autobiographie, in welcher der Soldat seinen Dienst für sein Land, seine Gedanken dazu, aber auch seine Erlebnisse im privaten Leben beschreibt, dient als Vorlage, welche zusätzlich unter der Kritik der Lüge, Faktenverdrehung, Falschaussage und vorrangig der Verherrlichung von Krieg, Mord und Gewalt steht.

„When I do go face God there is going to be lots of things I will have to account for, but killing any of those people is not one of them.“

Person, Buch, Film und die am cineastischen Projekt beteiligten Parteien stehen unter dem Kreuzfeuer der Fachpresse und den einfachen Bürgern. Den moralischen Kugelhagel missachtend, darf jedoch auch nicht vergessen werden, das Werk – in gewissen Maßen – neutral als Unterhaltungsmedien wahrzunehmen. Die Frage, ob Krieg und Tod ein notwendiges Übel oder eine grauenhafte Entschuldigung für diplomatische und soziale Unfähigkeit ist, werden auch die nächsten hundert Debatten nicht klären. Dies ist eine Film-Rezension, unsere Gräben heißen primär, Regie, Kamera, Skript, Sound und Schauspiel.

American Sniper 2

(c) Warner Bros.

Unter der Führung von Hollywood-Größe Clint Eastwood, der bereits in der Vergangenheit mit seinem Zweiteiler „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ im Jahre 2006 den Zweiten Weltkrieg überzeugend mit kritischem Blick in Szene gesetzt hat, befindet sich „American Sniper“ in geschickten Händen. Die Hauptrolle des Chris Kyle wird von Publikumsliebling Bradley Cooper verkörpert, der hier seine mitreißendste Rolle darbietet, seiner Komödien-Vergangenheit komplett den Rücken kehrt und damit seine dritte Oscar-Nominierung als Schauspieler geerntet hat. Ob als berechnender, effektiver Scharfschütze, als besorgter Amerikaner im Beginn sein Leben dem Kampf gegen den Feind zu widmen oder als vom Krieg gebrochener Ehemann, der seinen Kameraden näher als seiner Familie ist, Cooper überzeugt von Anfang bis Ende. Bradley Cooper beschreibt die Arbeit mit Clint Eastwood so, als wäre bei einem Blick über die Schulter der Regisseur ständig präsent und würde mit ihm durch das Zielfernrohr des Gewehrs blicken – diese Nähe spürt man als Zuschauer, welche in Kombination mit dem brachialen Sound (zwei Oscar-Nominierungen, ein Sieg) für ein Mittendrin-Gefühl par excellence sorgt. Kyles Frau wird von Sienna Miller gespielt, die zwar nicht viel Möglichkeiten zur Entfaltung bekommt, ihren Teil dennoch überzeugend darbietet.

Zur Frage, ob dieser Film nun ein Kriegsfilm oder ein Anti-Kriegsfilm sei, gibt es selbstverständlich unterschiedliche Meinungen, der Autor dieses Artikels ist jedoch der gleichen Meinung wie der Regisseur selbst, der die Aussage traf, dass „American Sniper“ aufzeigt, was der Krieg aus einem Menschen mache und dies die stärkste Antikriegsaussage überhaupt sei. Ein patriotisches Werk ist es nichtdestotrotz.

 Fazit:

„American Sniper“, ein Film, der die Gemüter spaltet, ist im Großen und Ganzen ein guter Film. Vor allem Bradley Cooper als Chris Kyle und die durch Kamera und Sound geschaffene Atmosphäre, die den Zuschauer direkt in das Geschehen versetzen lässt, kann überzeugen. Der (vergeblich) als heißer Oscar-Kandidat gehandelte Boxoffice-Erfolg ist jedoch zu formelhaft und bietet kaum überraschendes, was man nicht schon in vielen vergleichbaren Werken gesehen hat. Der amerikanische Kriegsfilm und der gebrochene Protagonist sind dem tüchtigen Kinogänger und Filmliebhaber nun mal so bekannt wie der nette Nachbar. Gewisse Teile der Handlung waren auch fehl am Platz – wobei diese natürlich der Realität geschuldet sein könnten. Eine etwas kürzere Laufzeit hätte dem Film eventuell auch besser getan.

Meiner Meinung nach ist „American Sniper“ ein lohnendes Kinoerlebnis, vor allem, wenn man sich von der öffentlichen Debatte zu lösen weiß und ein gutes Charakterdrama erwartet.

Um den Kreis zum Anfang zu schließen, abermals die Frage: Ist der Film nun ein kriegsverherrlichendes Werk? Meine subjektive Antwort, und mehr kann ich nicht liefern, ist eine Verneinung. „American Sniper“ ist in großen Teilen selbstverständlich ein patriotisches Werk. Die Mehrheit der irakischen Bevölkerung wird als Terrorist dargestellt; auch ist der persönliche Beweggrund Chris Kyles fragwürdig. Doch es gilt zu beachten, dass der Film aus der Sicht von Chris Kyle gedreht wurde. Daher der Vorsatz, wie bei jedem medialen Werk, kritischen Konsum zu üben.

Hier auch nochmal der Hinweis, dass Chris Kyle als wirkliche Person tatsächlich ein sehr zweifelhaftes Individuum gewesen sein soll, dies im Film jedoch anders verpackt wurde – zum Vorteil des Subjekts.

„American Sniper“ läuft seit dem 26.02.2015 in den deutschen Kinos.

Beitragsbild: (c) Warner Bros.

American Sniper Kritik (2014) – (Un)Moralische Grabenkämpfe
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  • Nils Norden

    Wir erfahren also, dass da jemand Skrupel hat und dann wieder doch nicht, Leute abzuknallen, weil er das ja alles so richtig findet. Und da der Kerl nun stellvertretend für das Gesamtgewissen (sprich: unseres) daherkommt, sind wir mächtig aufgerüttelt und beklommen und zweifeln mal wieder an der längst gefundenen Erkenntnis: Mord ist Mord – egal, in wessen Auftrag Leute heimtückisch umgebracht werden.

    Wenn es da nicht diese Filme gäbe, die uns seit vielen Jahren heimsuchen und wie elegant verpackte Autobomben in unseren Gehirnen explodieren. Gerade waren es noch Drohnen, jetzt sind es Gottseidank wieder Menschen an denen wir uns abarbeiten dürfen. (Danke dafür, Mister Pentagon Hollywood.) Und dann kriegen sie auch noch Kinder und haben Zweifel an ihrem Tun. Das ist auch überwältigend neu.

    Der waffentragende Amerikaner ist eben der wirklich gültige, universelle Archetyp des Menschen. Wer daran zweifelt, schaut am besten diesen Film. Im Internet.

    Nils Norden