„Amy – The Girl behind the Name“ (2015) Kritik: Von der Liebe und anderen Dämonen

Philipp Schmidt 24. August 2015 0
„Amy – The Girl behind the Name“ (2015) Kritik: Von der Liebe und anderen Dämonen

Asif Kapadias „Amy“ erzählt uns wenig bis nichts Neues. Amy Winehouses (1983-2011) Karriere war ihrerzeit medial ausgeleuchtet wie kaum eine zweite. Paradoxerweise ist der überlange Dokumentarfilm (ca. 128 min Laufzeit) eine zu keiner Zeit langweilige, sondern überaus berührende Rekapitulation des Schaffens und Sterbens der Soul-Ikone.

Regisseur Kapadia, der mit dem preisgekrönten „Senna“ (BAFTA-Award für die beste Dokumenation und den besten Schnitt, Sundance-Publikumspreis u.a.) aus dem Jahr 2010 bewiesen hat, auf welch einfühlsame Art und Weise er sich außergewöhnlichen Persönlichkeiten dokumentarisch nähern kann, legt mit „Amy“ nun seine zweite abendfüllende biographische Dokumentation vor.

Zunächst geht es um die Geschichte des 16 jährigen jüdischen Mädchens, sein nicht unproblematisches Elternhaus und die erste WG mit der besten Freundin. Teils bisher unveröffentlichte Aufnahmen aus dieser Zeit deuten schon an: Hier steht jemandem eine Weltkarriere bevor, der sie gar nicht will. Kapadia nominiert Blake Fielder, diesen homme fatal, aus dem Umfeld des berüchtigten Pete Doherty von den Libertines als ersten Hauptschuldigen am Amys Niedergang.

Getrieben von einem erfolgshungrigen Vater, gemanagt von ihrem Promoter, der sie von Tour zu Tour hetzt und wahnsinnig verliebt in einen selbstzerstörerischen Tunichtgut erster Klasse, kommt es zu den ersten Zusammenbrüchen – so die Erzählung. Der zweite Teil beginnt mit dem internationalen Durchbruch nach dem Release von „Back to Black“ im Jahr 2006. Die Songs handeln fast durchweg von ihrer tragischen Beziehung zu Blake und zur „Liebe an sich“ aber auch schon von Drogen und Entzug („Rehab“).

Kapadia zeigt nun eindrücklich, wie Amy Winehouse aus privaten Katastrophen die Muse für ihre tieftraurigen Songs bezog, die allesamt Welthits werden sollten, wie sie gerade im Moment der tiefsten Depression die unwirklichsten Erfolge feierte (Grammys vor Justin Timberlake, Beyoncé und Jay-Z) und wie eine fragile junge Frau einer hungrigen mediatisierten Weltöffentlichkeit regelrecht zum Fraß vorgeworfen wurde. Solange, bis sie ausgemergelt und kraftlos, sturzbetrunken und ohne Stimme bei einem Belgrader Konzert ausgebuht wird. Wenige Zeit später war Amy Winehouse tot. Ihr Herz blieb unter dem Einfluss von zu viel Alkohol, Drogen und Essstörungen im Alter von 27 Jahren einfach stehen.

Vielen Dokumentarfilmen wird besondere Qualität zugesprochen, weil sie gerade nicht alle Fragen beantworten sondern vielmehr unbequem fragen. Asif Kapadia gibt deutliche Antworten, vor allem auf die Schuldfragen, auch wenn er als Filmemacher komplett hinter seinem Film zurücktritt. Eigenes Bild-Material setzt er nur ein, um die Schauplätze von Amy Winehouses Leben aus der Vogelperspektive einzuführen. Ansonsten besteht der Film aus privaten Aufnahmen, Fremdmaterial britischer und amerikanischer TV-Shows sowie Konzertaufnahmen. Auf abgenutzte „Zeitzeugen-Interviews“ im Bild verzichtet Kapadia und verlegt sie ins Voice-Over, Sprechende sind so gut wie nicht im Bild zu sehen.

Wie den meisten Musiker-Biographien in Filmform merkt man „Amy“ die Begeisterung für die Protagonistin deutlich an. Die lyrics von Amys Songs, die in teilweise unveröffentlichten Fassungen zu hören sind, werden in den vielen Auftritt-Szenen bedeutungsschwängernd als dynamische Inserts eingeblendet.

Vor allem im zweiten Teil, in dem Amys persönliches und öffentliches Scheitern angesichts ihres Ruhms thematisiert wird, rückt Kapadia Amys und damit auch das Publikum seines Films – zurecht – auf die Anklagebank. Zum Ruhm gehört immer ein Publikum, und zu Amys Publikum gehört man als Zuschauer dann plötzlich auch. Ein beklemmendes Gefühl, wenn man sich dabei ertappt, genau hinzuschauen, wenn Paparazzi-Fotos einer übernächtigten, drogenverfallenen Amy Winehouse in Zooms und Kamerafahrten analysiert werden.

Mit diesen Bildern des Verfalls reproduziert Kapadi genau jenen perfiden Voyeurismus, dem Amy Winehouse zum Opfer gefallen ist und vor dem sie immer Angst hatte. Der Zuschauer soll sich fragen, wie man in Zukunft öffentliche Phänomene wie die Soul-Ikone Amy Winehouse als Publikum behandeln soll.

So lässt „Amy“ dann doch eine Frage offen: Heiligt hier der Zweck der Bewusstmachung der Problematik die Mittel des reproduzierten Voyeurismus? Wie dem auch sei: „Amy“ ist ein äußerst sehenswerter, am Ende tief ergreifender Dokumentarfilm. Ganz am Schluss gewinnt er bezeichnenderweise seine rührendste Tragik aus einem von Amys leichtesten, unbeschwertesten musikalischen Höhepunkten: Ihrem Zutons-Cover „Valerie“, glücklicherweise in der entschleunigten BBC-Radioversion.

„Amy“ läuft in den deutschen Kinos bereits seit dem 16. Juli.

Beitragsbild (c) On The Corner Films

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