„Black Mass“ (2015) Kritik: Ruht sich auf einer wahren Begebenheit aus

Philipp Schmidt 5. Oktober 2015 0
„Black Mass“ (2015) Kritik: Ruht sich auf einer wahren Begebenheit aus

Das Rezept für einen Hit

Stellen Sie sich vor: Sie sind Film-Produzent und Ihnen wird ein Projekt vorgelegt. Es soll um die wahre Geschichte des James „Whitey“ Bulger gehen, einem legendären Bostoner Gangsterboss, der ungefähr zehn Jahre lang meistgesuchter Verbrecher des FBI war. Zugesagt haben schon Johnny Depp für die Hauptrolle, Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Und als Regisseur ist Scott Cooper mit an Bord, der schon mit „Crazy Heart“ und „Out Of The Furnace“ für Aufsehen gesorgt hat. Würden Sie lange überlegen? Eben! Was soll da schon schiefgehen? Wenn am 15. Oktober Scott Coopers „Black Mass“ dann tatsächlich in die deutschen Kinos kommt, werden die Erwartungen hoch sein!

Die (wahre) Geschichte

Der wirkliche James „Whitey“ Bulger hat in Süd-Boston, „Southie“ genannt, in den 1970er und 80er Jahren sein Unwesen als berüchtigter „Pate von Boston“ (so auch der deutsche Zusatztitel des Films) getrieben. Brisant: Er konnte nur deshalb so hoch aufsteigen, weil ein Sandkastenfreund beim FBI dafür sorgte, dass alle von Bulgers Widersachern durch die Behörden gegen hilfreiche Informationen aus dem Weg geräumt wurden. Als man gemerkt hat, welches Monster man gezüchtet hatte, wurden harte Strafen für die Ganoven und milde Urteile über die kooperativen korrupten Beamten verhängt. Nur „Whitey“ Bulger hat man nicht erwischt. Er wurde schließlich erst 2011 gefasst und zu einer doppelt lebenslangen Freiheitsstrafe verdonnert. Regisseur Cooper und Depp gestehen in Interviews ihre Faszination für Stoff und Hauptfigur, die man dem Film deutlich anmerkt.

Ein solider Gangsterfilm

„Black Mass“ hat dann ja durchaus auch seine Reize: Da ist das mittlerweile fast obligatorische Verschwimmen der Grenze zwischen gut und böse, zwischen Verbrechern und Verbrecher-Jägern. Hier ist es insbesondere die Tatsache, dass die Verbrecher den Jägern helfen, andere Verbrecher dingfest zu machen. Beide Organisationen, FBI und und organisiertes Verbrechen, halten sich gegenseitig am Laufen – und am Ende profitieren beide.  Da sind auch die Dialogszenen, die dramaturgisch von banal zu existenziell verlaufen: „Was ist das für eine Steak-Marinade?“ – „Ist ein Familiengeheimnis!“ – „Na komm schon!“ Entspanntes Gekicher  – „Na gut: Gehobelter Knoblauch und Sojasoße!“ Zoom auf Depps bedrohlich hypnotisierende Visage, aus der nun aller Humor verschwunden ist. „Ich dachte, es sei ein Familiengeheimnis?“ Oder die zahlreichen Hinrichtungsszenen, teilweise noch kalkuliert mit Sympathie für das Opfer aufgeladen, um die ganze Kaltblütigkeit der Figur „Whitey“ Bulger zu zeigen.

Fehlende eigene Inspiration

Im Fall von Black Mass trifft die Bezeichnung „Beruhend auf wahren Begebenheiten“ eigentlich nicht recht zu. Vielmehr müsste man sagen: „Ruht sich auf wahren Begebenheiten aus“. Denn die Faszination, die von Coopers Film ausgeht, könnte auch eine Dokumentation zum echten James Bulger entfalten. Sie liegt in der Brisanz, die das reale Vorbild liefert. Die Fiktionalisierungen, die erwähnten typischen Gangster-Szenen, wirken irgendwie abgedroschen und oft gesehen bei den Genre-Klassikern vom „Paten“ bis „Donnie Brasco“ oder „The Departed“. Auch die teils spannenden (s.o.) Dialog-Sequenzen kann man sich in gleicher Richtung (von der Burger-Nomenklatur zur Hinrichtung in „Pulp Fiction“ oder von der unschuldigen Milch zur Exekution in „Inglorious Basterds“) bei Tarantino anschauen.

Fazit

Im Endeffekt hat Cooper seinem Inhalt, den er quasi vorgefunden hat, zu wenig individuelle Form gegeben. Die Potenziale, die die Wirklichkeit geboten hätte, wurden in einen allzu vorhersehbaren Plot geleitet. „Black Mass“ verschwendet seine nicht knappen Ressourcen etwas. Benedict Cumberbatch („Sherlock“) fristet in der Rolle des politisch sehr erfolgreichen Bruders von James „Whitey“ Bulger ein unscheinbares Rand-Dasein. Neben dem gewohnt starken Johnny Depp spielt sich allerdings der weniger bekannte Joel Edgerton („Warrior“) in der Rolle des FBI-Agenten John Connolly in den Vordergrund. Seine Figur ist die einzige, die eine interessante Entwicklung durchläuft. Der Rest ist nicht langweilig, schon auch sehenswert aber eben wenig originell. Scott Cooper hat eine packende Geschichte aus den 1980er Jahren mit Starbesetzung nacherzählt, aber eben keinen eigenen Film daraus gemacht. Zum Vergleich sei nochmals The Departed von Martin Scorsese ans Herz gelegt. Der ist zwar ebenfalls ein Remake, erzählt aber vor gleichem Setting eine ungleich spannendere, dazu noch frei erfundene Geschichte.

„Black Mass“ läuft in den deutschen Kinos ab dem 15. Oktober!

Beitragsbild und Trailervideo (c) Warner Bros.

 

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