Captain Fantastic (2016) Kritik: Von Gasmasken und Marxismus

Max Christ 20. November 2016 0
Captain Fantastic (2016) Kritik: Von Gasmasken und Marxismus

Würde man sich, nachdem man „Captain Fantastic“ gesehen hat, mit Ben (den von Viggo Mortensen gespielten Protagonisten und titelgebenden Charakter) treffen und fräge nach einer Rezension, sollte eine schlichte Antwort wie beispielsweise „Der Film war gut“ oder „Der Film war interessant“ nicht fallen. Denn für Ben ist „interessant“ kein Wort, er würde eine eigene Stellungsnahme, eine kurze aus dem Stegreif selbstformulierte Analyse erwarten. So zumindest reagiert er, als seine Tochter auf die Frage, wie ihre Meinung zu Vladimir Nabokovs „Lolita“ sei, „interessant“ antwortet.

Dieser Fall ist natürlich völlig hypothetisch, denn Ben würde man nicht ansatzweise in der Nähe eines Kinos antreffen, noch wüsste er über aktuelle Filme Bescheid oder hätte dafür – vermutlich – überhaupt Interesse.

Das Lebenswerk von Ben und seiner Frau ist die Erziehung ihrer Kinder. Dabei gehen diese – fünf an der Zahl – nicht in die Schule, spielen keine Videospiele, ziehen weder durch die Straßen noch leben sie das typische Leben eines Kindes. Die Familie lebt zurückgezogen, auf sich alleine gestellt, in einem Wald Nordamerikas.

Ohne auf weitere Entwicklungen in der Handlung einzugehen – denn Spoiler möchte ich vermeiden und auch vom Trailer ist (wie so oft) abzuraten -, ist es von Anfang an klar, dass die scheinbare Idylle nicht lang anhält und nach spätestens dem ersten Drittel des Films, der Wald verlassen wird – gen Zivilisation.

Das für mich zentrale Thema von „Captain Fantastic“ ist eine Auseinandersetzung mit der im Film gezeigten Form der Erziehung: Ist Ben ein guter Vater?

Ben und seine Frau haben das zurückgezogene Leben freiwillig gewählt, ihre Kinder wurden aber quasi dazu gezwungen. Ohne Kontakt zur Außenwelt, fehlt ihnen die notwendige Sozialisation um in der gewöhnlichen Welt richtig zu funktionieren. Eine These die oft aufgegriffen wird. So verhält sich der älteste Sohn in der Gegenwart von Frauen wie ein schüchterner Teenager, der stottert und peinlich berührt zu Boden schaut. Sie kennen weder Hotdogs noch Cola oder Nike und werden von jeder noch so kleinen – für uns gewöhnlichen – Situation verwirrt und irritiert.

Im Gegenzug leben sie gesund und nachhaltig, sind sich ihrer Umwelt bewusst und werden sehr effektiv unterrichtet. Tägliche Sporteinheiten sind Pflicht, dazu gehört auch Klettern, der Umgang mit Waffen und das Jagen. Alle Schulfächer werden gelehrt und mündlich sowie schriftlich geprüft, ob Physik, Literatur oder Politik. In späteren Szenen wird verdeutlicht, dass diese Bildung wesentlich besser ist als die des öffentlichen Schulsystems. Die Kinder wissen über Biologie Bescheid, haben mehr Bücher gelesen als viele Erwachsene und kennen politische Systeme vom Marxismus bis zur Verfassung der Vereinigten Staaten.

Ob Ben nun ein guter Vater ist, lässt sich schwer beantworten. Der Film schafft es gut, dass man auf der einen Seite gerne Rollen tauschen würde, um anstelle dieser Kinder zu leben. Denn sie sind junge Gelehrte und schaden weder Mutter Natur noch ihrer Bevölkerung. Auf der anderen Seite gibt es gute Gründe, warum sich die Gesellschaft von kleinen Stämmen zu großen Gemeinschaften entwickelt hat. Denn die Kinder sind einsam und hatten keine Wahl sich ihr soziales Umfeld auszusuchen.

Ein abschließendes Urteil muss jeder für sich selber fällen. Unabhängig davon ist „Captain Fantastic“ ein Film, der inspirierend ist und eine große Portion Freiheitsdrang und Unabhängigkeit aussondert. Wie zum Beispiel „Into the Wild“ ist er quasi ein Coming-of-Age Film, in welchem sich die Charaktere selber zu finden versuchen, in welchem Werte hinterfragt und neu geordnet werden. Es ist ein Film bei dem man sich loslassen kann, träumen, staunen, schwelgen wird.

Ein abschließendes Lob gilt Viggo Mortensen, der zwar freiwillig wenig und kleine Rollen sucht, aber trotzdem zu selten und zu wenig Anerkennung findet. Der Schauspieler der selbstverständlich allen als Aragorn bekannt ist, ist vielen leider sonst nicht geläufig. Er der hier sehr überzeugend den eigenwilligen aber gutmütigen Vater spielt wird hoffentlich noch viele solcher Rollen ergattern können. Allen Fans lege ich „A History of Violence“, „Eastern Promises“, „The Road“ und „Loin des hommes“ ans Herzen.

Für Regie und Drehbuch verantwortlich war Matt Ross. Er hat mit diesem Film seine erste nennenswerte Arbeit hinter der Kamera abgeliefert und dabei direkt den Regie-Preis „Un Certain Regard“ des Cannes Film Festival gewonnen. Bekannt ist er aber als Schauspieler, durch seine Rollen in American Psycho, Aviator, Face/Off und den Serien Silicon Valley sowie American Horror Story.

„Captain Fantastic“ läuft seit dem 18. August 2016 in den deutschen Kinos, und Vorstellungen sind sogar jetzt noch in vereinzelten Städten zu finden. Für alle anderen empfehlt es sich den 27. Dezember 2016 im Kalender zu markieren. Der DVD und Blu-Ray Start ist somit zwar ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, aber in der kalten Zeit zwischen den Feiertagen ist „Captain Fantastic“ trotzdem ein Stück Film, das Herzen wärmen wird.

(c) Universum Film

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