„Cartel Land“ Kritik: Was würdest du tun?

Morgane Llanque 12. Oktober 2015 0
„Cartel Land“ Kritik: Was würdest du tun?

Schon ein Jahr ist es her, dass in Iguala, Mexiko, 43 Studenten der Escuela Normal Rural entführt und ermordet wurden. 6 von Ihnen von der mexikanischen Polizei. Den Rest überließen die Beamten dem Kartell „Guerreros Unidos.“ Der Bürgermeister von Iguala und seine Frau: Teil der „Familie“ der Guerreros. Die Regierung: tatenlos. Schon über 50.000 Menschen sind dem in Mexiko herrschenden Drogenkrieg zum Opfer gefallen. Die Gräueltaten sind alltäglich geworden. Die öffentliche Diskussion bricht nicht ab. Und dennoch ändert sich nichts. Denn Banden und gewählte Politiker arbeiten Hand in Hand.

In seiner neuen Dokumentation „Cartel Land“, die erfolgreich auf dem Sundance Festival Premiere feierte, widmet sich Regisseur Matthew Heinemann, mit der Rückendeckung von Star-Produzentin Kathryn Bigelow, einem der gefährlichsten Konflikte der Welt. Er erzählt die Geschichte von zwei Männern jenseits und diesseits der amerikanischen Grenze zu Mexiko: Der eine ist Dr. José Manuel Mireles Valverde, der im Kampf gegen die Drogenkartelle, die willkürlich foltern, vergewaltigen und töten, in Michoacán die Grupo de Autodefensas gegründet. Eine bewaffnete Bürgerwehr, die sich, von Regierung und Polizei enttäuscht, selbst gegen die „Narcos“, die Drogenhändler zu Wehr setzt.

Die zweite Geschichte ist die von Tim „Nailer“ Foley, einem Ex-Crystal-Meth-Junkie, der die Arizona Border Recon, ebenfalls eine Bürgerwehr, gegründet hat. Zunächst, um illegal eingewanderte Mexikaner gewaltsam zurück über die Grenze zu bringen. Als er jedoch erkennt, dass es der Terror der Drogenmafia ist, der die Mexikaner zur Flucht in die Vereinigten Staaten treibt, hat er ein neues Ziel. Nun versucht er gezielt, den Drogenhandel an der Grenze zu unterbinden und macht, genau wie Mireles, Jagd auf die Verbrecher.

Zu guter Letzt zeigt Heineman auch die Narcos selbst, wie sie mit Gesichtsmasken und umgebundenen Tüchern verhüllt in finsterster Nacht Meth kochen. Sie rechtfertigen sich:

„Wir wissen, dass wir Böses tun. Wir tun das, weil wir arm sind. Wären wir reich so wie ihr, dann würden wir um die Welt reisen und anständige Berufe haben, so wie ihr.“

Während man zwischen diesen drei Gruppen in wackligen Kamera Fahrten hin und her geworfen wird, so glaubt man zu Beginn zu wissen, wer hier gut und wer böse ist. Nach und nach beginnt man jedoch zu begreifen, dass keiner der Protagonisten unschuldig ist. Wer zu den Waffen greift, wer selbst Macht an sich reißt, der wird sich nur allzu schnell selbst korrumpieren lassen. Und wer Selbstjustiz mit Gewalt ausübt, kann jederzeit auch zum Opfer der Selbstjustiz eines Anderen werden.

Heinemann gelingt es, diese Teufelsspirale zu zeigen, ohne auch nur einmal den mahnenden Zeigefinger zu erheben, oder anzuklagen. Er zeigt Menschen, die sich in einer von Kriminellen regierten Anarchie alleine gelassen fühlen und Angst haben. Die Geliebte und Familienmitglieder verloren haben. Die selbst unermessliche Gewalt und Ungerechtigkeit erlitten haben und nun das menschliche Bedürfnis nach Rache haben. In einer der ersten Szenen sieht Mireles direkt in die Kamera und sagt: „Was würdest du tun? Würdest du darauf warten, dass sie dich holen? Oder würdest du dich verteidigen?“

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Diese Frage bildet schließlich den Kern und roten Faden von „Cartel Land.“ Als Zuschauer wird es einem mehr und mehr unmöglich gemacht, Partei zu ergreifen. Wenn die Alternative zur Bewaffnung bedeutet, tatenlos der eigenen Erniedrigung und Ermordung entgegen zu sehen, so wird selbst der gesetzestreueste Moralist sagen: Verteidigt euch!

Und so steigert sich beim Anschauen des Filmes nicht nur das Entsetzen über die Verbrechen der Kartelle und ihre enge Zusammenarbeit mit Beamten und Regierung, sondern auch darüber, dass diejenigen, die die Banden bekämpfen, selbst zu Dieben und Mördern werden. Es scheint keine Lösung des Problems in Sicht. Die Gewalt geht weiter.

Durch die großen Frontalaufnahmen der Protagonisten, die dem Zuschauer stets direkt in die Augen blicken, wenn sie sprechen, vermittelt Heineman den Eindruck, man befände sich in einem Gerichtssaal und sehe zu, wie der Richter Zeugen aufruft, um ihre jeweilige Version der Wahrheit anzuhören.

Sind sie alle Verbrecher? Oder sind sie alle Opfer?

Heineman ist ein parteiloser und brutaler Einblick in die Komplexität des mexikanischen Drogenkrieges gelungen, dass gleichzeitig auch eine psychologische Studie über das Verhalten der Menschen ist, die sich in einer an totaler Korruption erkrankten Gesellschaft ihren Platz selbst erkämpfen müssen.

Cartel Land gibt es ab dem 30. Oktober auf DVD und Blu-ray zu kaufen.

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