„Children of Men“ Kritik – Der Abgesang der Menschheit

Tommy 8. April 2015 0
„Children of Men“ Kritik – Der Abgesang der Menschheit

Der 21. Juni 2009 war ein Sonntag. An diesem Tag stand die Sonne in der nördlichen Halbkugel im Zenit; die Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres. Danach werden die Nächte wieder länger. Es war der Tag, an dem der letzte Mensch auf Erden geboren wurde.

Der Mensch spielt sich sein Totenlied

18 Jahre später wird „Baby Diego“, wie der jüngste Erdbewohner von den Medien getauft wurde, von einem zurückgewiesenen Fan getötet. Ein weiteres Puzzleteil in einer Welt, die sich auflöst. Über den Globus verstreut ereignen sich Konflikte, die das Ende beschleunigen. Nukleare Terroranschläge, Kämpfe um die letzten Tropfen sauberes Wasser. Wer dadurch nicht getötet wird, kann das mittels einer beworbenen Selbstmordpille in die eigene Hand nehmen.

„Children of Men“ zeigt den Abgang der Krone der Schöpfung in England, dessen Regierung sich krampfhaft um Kontrolle bemüht. Das Ergebnis ist ein faschistischer Polizeistaat, der die Bevölkerung überwacht und ihrer Rechte beraubt. Einwanderer – sogenannte „Fugees“; abgleitet vom englischen Wort für Flüchtling – werden gejagt und in Lager deportiert, ähnlich dem Warschauer Ghetto. Einige versteckt arbeitende Organisationen versuchen dieses System zu bekämpfen, wofür sie schon einmal Gebäude in die Luft sprengen. Inmitten dieses Chaos lebt Theo Faron (Clive Owen), Angestellter bei einem Ministerium, der sich auf seine Art mit der hoffnungslosen Situation arrangiert: Er hat den Alkohol als Lösung entdeckt. Seine Ex-Frau Julian (Julianne Moore) hat inzwischen auf der Karriereleiter ein paar Sprossen gut gemacht und ist Anführerin einer Untergrundorganisation. Über sie erfährt er von Kee, einer jungen, illegalen Einwanderin – die schwanger ist. Die Brisanz dieser Entdeckung führt zu einer Hetzjagd, bei der scheinbar jeder ein Interesse an Kee und ihrem ungeborenen Kind hat. Theo muss das junge Mädchen beschützen, wobei er sich nicht sicher sein kann, wem er noch vertrauen darf.

Philosophischer Untergang

Was passiert, wenn der Mensch nicht nur seine eigene Endlichkeit, sondern die seiner ganzen Art anerkennen muss? Wenn man der Geschichte von P.D. James, auf der der Film basiert, Glauben schenken will, ist der Zusammenbruch die Antwort. Ähnlich einem Patienten, der nach einem langen Leidensweg nicht an die eigene Genesung glaubt und aufgibt. Dass die Menschheit im Angesicht ihrer größten Herausforderung zusammenwächst und gemeinsam an ihrer Rettung arbeitet, muss wohl in der Abteilung „utopische Gedanken“ abgeheftet werden.

Reiche Menschen versuchen ihr Leben noch halbwegs anständig über die Runden zu bringen und schotten sich ab; genau wie England. Es geht nur noch darum, vor seinem Ableben eine vergleichsweise schöne Zeit zu haben. Aber wo ist der Sinn in dieser Existenz? Heutzutage geht es vielen darum, über ihren Tod hinaus in der Welt zu bleiben; sei es durch eine besondere Leistung oder weil sie etwas an ihre Kinder weitergeben und somit ein Stück von sich selbst erhalten. Nur ist das eben nicht mehr möglich, wenn keine Nachfahren geboren werden, die sich erinnern können. Man beachte nur die vielen Mitt-40er, die sich einen Porsche leasen, weil sie Gefahr laufen, die Sinnlosigkeit ihres Bürojobs zu erkennen. Wer hier schon zur Übersprungshandlung neigt, läuft auch Amok, wenn die Menschheit widerspruchslos von der Bildfläche verschwindet – ohne einen höheren Sinn für ihr Dasein erkennen zu lassen.

Anspielungen und Deutungsversuche

Es handelt sich bei „Children of Men“ aber nicht nur aufgrund des Umgangs mit dieser Thematik um einen herausragenden Film, er bietet einiges an Symbolik, das es zu entschlüsseln gilt. Zum einen springen die vielen Hunde und Katzen ins Auge, sogar ein Reh oder eine Schafherde stapft mal durch das Bild. Nun ist es nicht verwunderlich, dass diese Tiere dort sind, auf einem Bauernhof trifft man schon einmal auf Kühe und Pferde. Aber sie fallen bewusst auf, weil in Filmen eher selten so viele gezeigt werden. Dies wäre ein Grund, von einem versuchten Realismus auszugehen und der Film hat solche Tendenz, zu denen wir noch kommen, aber es scheint vielmehr eine tiefere Bedeutung dahinterzustecken. Vielleicht sind diese Tiere ein Ersatz für den Menschen, der seine Liebe nicht länger an seine eigenen Nachkommen weitergeben kann. Eventuell handelt es sich hierbei sogar um den Versuch, eine optimistische Botschaft in einem pessimistischen Film zu transportieren. Das Leben geht ohne den Menschen weiter, es gibt genug Alternativen. Das Ende unserer Fahnenstange ist nicht das Ende der Welt.

Angesichts der Handlung ist es naheliegend, dass Parallelen zur Geschichte von Jesus Christus erkennbar sind. So erfährt Theo Faron, dessen Name altgriechisch für „Gott des Leuchtturms“ ist, in einem Stall von Kees Schwangerschaft, umgeben von Tieren; eine eindeutige Anspielung auf die Krippensituation. Die werdende Mutter selbst macht später einen Witz, dass sie noch Jungfrau sei und es sich um eine unbefleckte Empfängnis handle. Zu guter Letzt heißt die Untergrundorganisation, die Kee vor der Regierung beschützen will, „Fishes“, also Fische. Im Griechischen ausgesprochen, bildet Fisch das Anagramm für „Jesus Christus Gottes Sohn und Erlöser“, weswegen der Fisch als Symbol des Christentums noch heute verwendet wird.

Licht und Schatten der Regie

Bekannt wurde der Film vermutlich nicht durch seinen Inhalt, sondern durch seine Umsetzung. Regisseur Alfonso Cuarón hat sich spätestens mit „Gravity“ einen Namen gemacht, denn seine Vorliebe für lange Szenen ohne Schnitt hat sich inzwischen herumgesprochen. Wobei das so nicht vollkommen korrekt ist, denn Cuarón setzt durchaus Schnitte ein, jedoch wurden die Übergänge durch Spezialeffekte unkenntlich gemacht. Die sechsminütigen Sequenz in „Childen of Men“ besteht ursprünglich aus vier Abschnitten, was immer noch eine bemerkenswerte Leistung ist, wenn man bedenkt, wie viel organisatorischer Aufwand und Planung dafür nötig ist. Zumal diese Einstellungen keine ruhigen Gespräche sind, bei denen es vergleichsweise simpel wäre. Hier haben wir Szenen, in denen ein Überfall auf ein Auto, die anschließende Flucht und Verfolgungsjagd gezeigt werden. Oder wir begleiten Theo, während er sich seinen Weg durch eine kriegsartige Kulisse bahnen muss, während um ihn herum Projektile einschlagen, herausgesprengte Gebäudeteile auf ihn fallen und Blut die Kamera bespritzt. Wie oft diese Szenen geprobt, wiederholt und eventuell von den Beteiligten verflucht worden sein müssen, ist für Außenstehende kaum zu fassen, aber die Anerkennung für die Macher ist verdient, angsichts dieser erfolgreichen Mühe.

Ansonsten versucht Cuarón den Stil eines Dokumentarfilms zu kopieren. Der Zuschauer soll die Position eines ständigen Begleiters einnehmen, der Theo über die Schulter schaut und sich damit oftmals mitten in der Gefahr befindet. Wenn Raketen einschlagen, sehen wir keinen Schnitt zu der heranrauschenden Bedrohung, sondern wir bleiben bei Theo und sehen aus einer gewissen Distanz den Einschlag. Jetzt kann sich der Gedanke aufdrängen, dass dadurch alles weniger bedrückend wirkt, aber das Gegenteil ist der Fall, da die Einleitung zu dem Einschlag ausgelassen wird. Andere Regisseure wie Michael Bay hätten sicherlich den Schützen, dann den Abschuss und den Flug der Rakete gezeigt, um schließlich auf die Explosion zu schneiden. Cuarón hingegen lässt das Projektil aus dem Nichts einschlagen, wodurch es überrascht und um ein Vielfaches stärker wirkt; auf diese Art gibt man dem Zuschauer ein Gefühl für die Situation. Man weiß nie, aus welcher Richtung der Tod sich sein nächstes Opfer holt.

Leider hat die Regiearbeit daneben ihre Schattenseite. Wenn die Kamera einem rennenden Theo folgt, ist es verständlich, dass sie hin und her wackelt; man ist ja immerhin der Begleiter, der mit ihm rennt und ein Mensch hat selten einen ruckelfreien Lauf. Diese sogenannte Shaky-Cam kommt jedoch zusätzlich in ruhigen Szenen zum Einsatz und hier erlischt das Verständnis. Denn wenn zwei Personen miteinander reden, wirkt es irritierend und entnervend, wenn das Bild anhaltend hektisch ist. Selbst bei Kamerafahrten wie bei der Ankunft von Theo auf seiner Arbeit muss die Sicht nicht zappeln, denn dafür gibt es Schienensysteme, die bereits in den 50er Jahren ruhige Aufnahmen ermöglichten. Aber das ist nur der Tropfen auf einen abseits dessen sehr schönen Stein.

Very odd, what happens in a world without children’s voices. – Miriam

Beitragsbild: (c) Universal Pictures

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