Coco: Kritik zum Pixars neuem 3D-Animationsabenteuer

Lida Bach 28. Oktober 2017 0
Coco: Kritik zum Pixars neuem 3D-Animationsabenteuer

Nur nicht das Publikum intellektuell überfordern! An diese Maxime klammern sich Pixars jüngstes Kinoabenteuer und dessen deutschsprachiger Verleih so eisern wie an die tradierten Werte, die Lee Unkrichs Fantasy-Märchen mit glitzernden 3D-Effekten überzuckert. Den Vorfilm Olaf taut auf bekommen die Kritiker nicht zu sehen. Weil ihnen nicht zuzutrauen sei, dass sie die beiden Werke auseinanderhalten, lautet die Erklärung vorab. Besonders kurios klingt das, da anschließend betont wird, Coco sei total originell und speziell. Aber nichts so originell, dass er sich von einem Mini-Disney-Spin-Off unterscheiden lässt? Womöglich war die Befürchtung eher, dass die Adrian Molinas und Matthew Aldrichs Story gegenüber der innovativen Erzählweise von Frozen noch generischer wirkt.

Das kreative Versprechen, das der hintersinnige Titel, der Schauplatz und der narrative Rahmen des Dia de los Muertos geben, entpuppt sich als bombastischer Bluff. Nicht unähnlich dem, den der Starmusiker Ernesto de la Cruz (Benjamin Bratt) im Leben begann und nach seinem vielsagenden Tod fortsetzt. Dass der in Diesseits und Jenseits angehimmelte Sänger nicht das strahlende Idol ist, als das der 12-jährige Miguel (Anthony Gonzalez) ihn sieht, ist so schnell durchschaubar wie die Diversitätsscharade. Dass mexikanische Protagonisten mit spanischem Akzent sprechen, ist nur eines der peinlichen Stereotypen. Verkitschte Folklore und die kommerzielle Vereinnahmung der abgebildeten Kultur machen aus Miguels Reise ins Totenreich ein touristisches Spektakel voller Larmoyanz und Slapstick.

Der kindliche Held lebt in einem Postkartennostalgie und Moderne vermischenden Bilderbuchidyll, in dem Armut, Kriminalität und realistische Konflikte nicht existieren. Dafür gibt es an jeder Ecke Mariachis, Luchadores und Frieda Kahlo (Natalia Cordova-Buckley). Die Künstlerin entspricht wie alle der weiblichen Figuren dem Negativstereotyp der zänkischen Südländerin. Ähnlich flach sind Miguels Verwandte und sein Skelett-Begleiter Hector (Gael García Bernal). Der von The Book of Life abgeguckten Ästhetik fehlt echte Inspiration ebenso wie der Botschaft vom Glauben an die eigenen Träume und unbezwingbarem Familienzusammenhalt die Aufrichtigkeit. Vom wirklichen Leben sind die manipulative Inszenierung, der ästhetische Exotismus und die kalkulierte Rührseligkeit noch entfernter als Miguels Gerippe-Sippe: nicht nur tot, sondern seelenlos.

OT: Coco

Regie: Lee Unkrich

Produktionsland: USA

Produktionsjahr: 2017

Verleih: Walt Disney

Länge: 109 min.

Kinostart: 30. November 2017

Beitragsbild (c) Disney

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