„Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“: Kritik des Thrillers über die chilenische Sektenkolonie

Nadine Emmerich 1. August 2016 0
„Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“: Kritik des Thrillers über die chilenische Sektenkolonie

Regisseur Florian Gallenberger scheint ein Faible für historische Stoffe zu haben: Mit „John Rabe“ brachte er 2009 die Geschichte des deutschen Kaufmanns, der im Zweiten Weltkrieg während des Massakers von Nanking die chinesische Zivilbevölkerung vor den japanischen Soldaten beschützte, auf die Leinwand. Dafür gab es den Deutschen Filmpreis. Sechs Jahre später verfilmte der Münchner mit „Colonia Dignidad“ wieder Zeitgeschichtliches, kombiniert mit einem fiktiven Liebesdrama: Daniel Brühl und Emma Watson geraten als deutscher Fotograf und Lufthansa-Stewardess zwischen die Fronten des Militärputsches 1973 in Chile und landen in der berüchtigten Sektenkolonie des Laienpredigers Paul Schäfer.

Am 11. September 1973 putscht das Militär in Chile, der sozialistische Präsident Salvador Allende wird gestürzt, General Augusto Pinochet übernimmt die Macht. Genau in diesen turbulenten Tagen überrascht Lena (Watson) ihren Freund Daniel (Brühl) in Santiago de Chile. Daniel ist Aktivist und Allende-Unterstützer, und zu allem Übel wird er noch erwischt, als er das brutale Vorgehen der Putschisten fotografiert. Daniel und Lena werden festgenommen – sie kommt wieder frei, er landet im Süden des Landes im Folterkeller der Pinochet-nahen Colonia Dignidad. Während der Militärdiktatur machte die vermeintliche Kolonie der Würde sich für die Geheimpolizei des Diktators freudig die Hände schmutzig, folterte und mordete Regimegegner.

Dämonenaustreibung im Namen des Herrn

Doch Lena ist tough: Statt zurück in den Flieger nach Deutschland zu steigen, schleicht sie sich in die Colonia Dignidad ein – als ein angeblich Gott suchendes Mädchen im grauen Kittel. Und erfährt  umgehend: Wer einmal drin ist, kommt nie wieder raus. Das Gelände ist komplett abgeriegelt, hinter den Zäunen warten Selbstschussanlagen. Drinnen herrscht Zucht und Ordnung: Männer und Frauen leben streng getrennt, Kinder werden ihren Müttern weggenommen. Alle werden wie Sklaven gehalten und müssen knechten. Wer als Frau nicht spurt, hat eine Audienz bei Paul Schäfer (Michael Nyqvist), genannt Pius, oder wird von der gesamten Männermeute vermöbelt. Dämonenaustreibung im Namen des Herrn.

130 Tage müssen Lena und Daniel warten, bis sie sich bei einem Besuch der chilenischen Militärjunta samt Pinochet zwischen Schuhplattler und Trachtenkleidern wiedersehen. Heimlich treffen sie sich immer wieder und planen ihren Ausbruch. Ihre Flucht durch ein unterirdisches Tunnelsystem über die Deutsche Botschaft in Santiago de Chile bis zum Flughafen ist von spannenden und dramatischen Szenen begleitet. Auch für die eindrucksvolle schauspielerische Leistung der Hauptdarsteller darf applaudiert werden.

Politisches Tabuthema

Und doch hat der Film von Oscar-Preisträger Gallenberger („Quiero ser“) eine Schwachstelle: Seine Geschichte der 1961 gegründeten, totalitären Colonia Dignidad und ihres pädophilen Unterdrückers gerät etwas zu sehr zum Liebesdrama der Protagonisten. Die in der vermeintlichen deutschen Musterkolonie geschehenen Gräueltaten geraten vor der Kulisse der biederen Arbeiterinnen in Kittel und Hauben etwas ins Hintertreffen. Zwar gibt es einige brutale Szenen, doch kommt das Zeitgeschichtliche und dessen Einordnung etwas zu kurz. Die Motivation der Kolonie, die Macht Paul Schäfers, der 2006 wegen Kindesmissbrauchs zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde und vier Jahre später starb, das Schicksal der Sektenkinder, die Waffengeschäfte mit dem Diktator, die Menschenversuche – vieles bleibt oberflächlich.

Insbesondere die Rolle der Deutschen Botschaft wirft am Ende Fragen auf. Und ist damit nah an der Realität: Als Geschehnisse aus der Colonia Dignidad bekannt wurden, zeigte die deutsche Regierung kein großes Interesse an einer Aufklärung. Außenminister Frank-Walter Steinmeier räumte mit Blick auf die damalige Rolle des Auswärtigen Amtes nun Fehler ein. Und Bundespräsident Joachim Gauck kritisierte jüngst bei seinem Staatsbesuch in Chile offen, deutsche Diplomaten hätten jahrelang weggeschaut. Heute heißt die Colonia Dignidad übrigens Villa Baviera und ist eine Art Tourismusprojekt – Oktoberfestfeiern inklusive.

Colonia Dignidad kommt am 4. August auf DVD und Blu-ray in den Handel.

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