„Deep Web“ (2015) Kritik: Von den Schattenseiten des World Wide Web

Philipp Schmidt 30. September 2015 0
„Deep Web“ (2015) Kritik: Von den Schattenseiten des World Wide Web

„Deep Web“ erzählt die Geschichte von Ross Ulbricht, jenem jungen Amerikaner, der einen Uni-Abschluss in Physik hat und eine Familie gründen wollte – und der nun eine lebenslange Haftstrafe verbüßen muss. Ulbricht wurde schwerer Verbrechen wie der Gründung einer verbrecherischen Organisation sowie des Drogenhandels angeklagt. Er soll der Mann sein, der maßgeblich hinter dem berüchtigten Nickname „Dread Pirate Roberts“ steht, hinter dem sich wiederum der oder die Administrator/-en und Gründer der Schwarzmarkt-Website „Silk Road“ verbergen.  Über die Website wurden unter anderem illegale Drogen im großen Stil gehandelt.

Die „Silk Road“ – und auf Einzelheiten soll hier verzichtet werden – war Teil des „Deep Web“ oder „Hidden Web“. Stellt man sich das Internet als einen Eisberg vor, dann ist das Deep Web der Teil, der unter Wasser, also jenseits dessen liegt, was von Suchmaschinen wie google gefunden werden kann – und um Einiges größer ist.

Genaueres und anschaulicher erklärt Alex Winter in seiner Dokumentation. Der in England als Sohn einer Amerikanerin und eines Australiers geborene Regisseur konkurriert mit seinem Film beim diesjährigen Zurich Film Festival in der Kategorie Internationaler Dokumentarfilm. Und zumindest thematisch trifft er damit einen Nerv: Die brandaktuelle Debatte um Datenschutz.

Winter tritt als Filmemacher zurück und setzt als Ersatzprotagonisten einen Journalisten des Magazins „Wired“ ein, der sich intensiv mit Ross Ulbrichts Fall beschäftigt hat. Daneben kommen Juristen, Polizisten, Ulbrichts Eltern und andere Internet-Aktivisten in klassischen Zeugen-Interviews zu Wort.

Im Verlauf des Films wird klar, worum es bei „Silk Road“ eigentlich geht: Nicht um das Problem, wie ein Online-Schwarzmarkt für illegale Drogen zu bewerten sei. Vielmehr werfen die zweifelhaften Ermittlungsmethoden der US-Behörden die Frage auf, ob Ulbricht nicht bloß ein Bauernopfer ist, an dem der Machtapparat ein Exempel statuiert. Plattformen wie „Silk Road“ zeigen die Möglichkeit auf, dass digitale Kommunikation innerhalb von Gruppen jedweder Art passieren kann, ohne das Regierungen, Banken oder sonstige Institutionen der  staatlichen oder ökonomischen Macht Zugriff darauf haben.

Plötzlich erscheinen Ulbricht und seine potenziellen Mitstreiter/-täter als nur eine Teilmenge in jener Bewegung, als deren Speerspitzen man Julian Assange, Edward Snowden und auch schon die Cypher-Punks der 1990er Jahre nominieren könnte. Als eine Kampfgruppe in der Armee jener, die für Anonymität des Einzelnen und Transparenz der Staatsmacht im Internet kämpfen.

Man überlegt sich beim Zusehen, ob die Anonymität des Einzelnen im Internet auch gewahrt bleiben muss, wenn beispielsweise harte Drogen verkauft werden. Darf eine Regierung in diesen Fällen  zu Mitteln greifen, für die sie andere straft, um der Täter habhaft zu werden?

Nicholas Christin, der Wired-Journalist, erlaubt sich am Ende kein positives oder negatives Urteil hinsichtlich der Figur Ross Ulbricht. Er wisse nicht, ob er jemals zu einem Schluss kommen könne, wenn er über Ulbricht und seine moralische Beurteilung nachdenke.

Für Winter ist die Sache anders: Der Regisseur fällt ein klar positives Urteil über den vermeintlichen „Dread Pirate Roberts“: Der Film ist ein Plädoyer geworden für einen selbstlosen Cyber-Streiter für mehr individuelle Freiheit und mehr zwischenmenschlichen Frieden auf der Welt. Bedeutungsschwängernd werden die Worte des zu lebenslanger Haft Verurteilten von Sprecher Keanu Reeves verlesen – mit weißen Inserts vor schwarzem Hintergrund und langen rhetorischen Pausen.

Winter hätte sich letztenendes ein derart entschlossenes Urteil verkneifen sollen und seine Story, die Dramatik genug hat, weniger stark am persönlichen Schicksal Ross Ulbrichts aufhängen sollen. Denn wichtig sind letztlich nicht dessen subjektive Ansichten zum Fall „Silk Road“, sondern die Tatsache, dass eben dieser Fall juristisch in den USA und anderswo Schule machen könnte.  Dass nämlich die scheinbar äußerst zweifelhafte US-amerikanische Ermittlungspraxis durch NSA, CIA und co. bei Internetdelikten als Vorbild dienen könnte, wenn man entscheiden muss: Sind die persönlichen Daten von Internet-Nutzern geschützt, auch wenn Strafverfolgungsbehörden, Banken oder andere Unternehmen ein Interesse an der Einsicht hätten?

Und noch ein weiteres Problem stellt sich bei der Betrachtung von „Deep Web“: Ist die Möglichkeit der absoluten Anonymität bei der Kommunikation im Internet, wie sie Verschlüsselungssoftwares ermöglichen, ein Mittel zur digitalen Freiheit oder ein Freibrief für Cyber-Kriminelle?

Auch wenn Winter seinem Film am Ende den Blickradius wieder verengt, so ist ihm doch ein hochinteressanter Dokumentarfilm gelungen, der vor allem Internet- und Netzwerk-Interessierte ansprechen wird, aber eigentlich doch alle angeht.

„Deep Web“ hat noch kein Release-Datum für deutsche Kinos, ist aber auf i-Tunes, bittorrent oder auf der offiziellen Website des Films (hier) als Stream erhältlich.

Beitragsbild und Trailervideo (c) Bond360

Deep web
Date Published: 09/30/2015
3.5 / 5 stars

„Deep Web“ (2015) Kritik: Von den Schattenseiten des World Wide Web
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