„Der kleine Tod“ Kritik: Sexkomödie mal anders

Marco Seiwert 27. August 2015 0
„Der kleine Tod“ Kritik: Sexkomödie mal anders

Eine englischsprachige Komödie, die rund um das Thema Sex angesiedelt ist, aber weder mit Seth Rogen in der Hauptrolle noch mit Judd Apatow auf dem Regiestuhl besetzt ist? Gibt es das? Ja, gibt es. Nennt sich „Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex“ (im Original: The Little Death), kommt aus Australien und bietet eine weitaus tiefer gehende Auseinandersetzung mit dem Thema, als es Hollywood-Machwerke aus diesem Bereich oftmals tun.

Das Spielfilmdebüt von Josh Lawson – unter anderem vor der Kamera in Anchorman 2 – ist als recht klassischer Episodenfilm angelegt. Der Zuschauer folgt fünf verschiedenen Paaren auf dem Weg durch deren (sexuellen) Alltag und die Probleme, die dieser mitbringt. Jedes Kapitel ist dabei einem bestimmten, oftmals gesellschaftlich tabuisierten Thema zugeordnet: Von der Vergewaltigungsfantasie bis zu Zeitgenossen, die Erregung empfinden, wenn der Partner schläft (!) oder weint (!!) – „Der kleine Tod“ greift ganz tief in die Kiste sexueller Vorlieben und schlachtet diese in mal cleverer, mal tiefschwarzer, mal flapsiger, aber nie kindischer Manier aus.

Wenn Rowena (Kate Box) den eigenen Hund entführt, um ihrem Ehemann Richard ein paar Tränen zu entlocken, um Lust zu empfinden oder wenn Dan (Damon Heriman) die Rollenspiele mit seiner Gattin zu ernst nimmt, zum semi-professionellen Schauspieler avanciert und Stehlampen aufstellt, um das „Set“ entsprechend auszuleuchten, dann ist das kurios, gar überzogen, bietet aber derart frische und unverbrauchte Ideen, dass die an sich dünne Grundgeschichte um die verschiedenen Paare äußerst kurzweilig und abwechslungsreich vorangetrieben wird.

Doch auch wenn „Der kleine Tod“ vordergründig nur als etwas andere Komödie über Sex und dessen Ausartungen daherkommt, so lassen sich hier nach und nach auch ernstere Untertöne finden, die dem Film einiges mehr an Gewicht geben. So ist quasi allen Paaren im Film eines gemeinsam: Die sexuellen Vorlieben werden einander nicht mitgeteilt, man redet aneinander vorbei oder schlicht und einfach überhaupt nicht. Es mangelt an zwischenmenschlicher, ehrlicher Kommunikation. Lawsons Art, etwas Gesellschaftskritik zu üben? Durchaus naheliegend, jedoch ohne Vorschlaghammer präsentiert und von den Schauspielern durch die Bank hervorragend dargeboten. Auch ohne diese Ebene bereitet der Film gute, süffisante Unterhaltung, deren Hintergründe wohl tiefer im echten Leben verankert sind, als mancher Zuschauer wahrhaben möchte. So abwegig all das, was hier passiert, auch irgendwo für viele Menschen erscheinen mag, so realitätsnah ist die Aussage, die sich dahinter erkennen lässt.

Und als wäre dies noch nicht genug, verabschiedet sich der 90-Minüter für sein letztes Fünftel von der episodischen Hin- und Herspringerei und fokussiert sich zu Ende auf eine einzige Geschichte, die alle Qualitäten des Werkes noch einmal abschließend in sich vereint und mit einer ordentlichen Prise Emotionen würzt. Wenn die Call-Center-Angestellte Monica (Erin James) per Skype und Zeichensprache das Telefonat eines Taubstummen mit einer Sex-Hotline simultan dolmetscht, sich Anrufer und Dolmetscherin nach und nach virtuell immer näher kommen und alles um sich herum beinahe zu vergessen scheinen, dann ist das nicht nur skurril, schräg und äußerst komisch, sondern auch von einer ungekünstelten Schönheit und Magie, die man einem Film in diesem Genre wohl kaum zugetraut hätte. Zweifelsfrei das Highlight dieser kleinen Sex-Wundertüte und wohl einer der wundervollsten Momente der jüngeren RomCom-Geschichte.

Josh Lawson hat mit „Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex“ einen wunderbar erfrischenden Genrebeitrag geschaffen, der gleichermaßen überraschend wie gekonnt daherkommt. Geht man beim Anblick des Covers noch davon aus, es handle sich hier um 08/15-Vulgärcomedy, so verfliegt dieser Eindruck im Verlauf des Films und macht Platz für eine beeindruckend ehrliche, amüsante und zuweilen auch traurige Darstellung sexueller Vorlieben und zwischenmenschlicher Probleme. Eine unbedingte Empfehlung an alle Filmfreunde, die das Genre bereits für tot erklären, sei hiermit ausgesprochen.

„Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex“ ist ab dem 28. August auf DVD und Blu-Ray erhältlich.

Beitragsbild: © Weltkino Filmverleih GmbH

„Der kleine Tod“ Kritik: Sexkomödie mal anders
4 (80%) 2 votes