Der Kuckuck und der Esel: Kritik zu Arnstedts schwarzer Satire

Jonas Gröne 8. November 2016 0
Der Kuckuck und der Esel: Kritik zu Arnstedts schwarzer Satire

Man nimmt sich, was man will. Könnte das anarchistische Dogma einer Zukunftstuopie lauten. Wonach der Bedarf grad sinnt – durchaus auch nach einem Menschen. Doch was nun, wenn diese apart anmutende Schlachthymne einfach im Hier und Jetzt ausgerufen wird? Still und heimlich jedoch, so zum Eigennutzen, denn man nimmt sich, was man will. Oder?

Andreas Arnstedts Satire-Drama Der Kuckuck und der Esel (2014) setzt da an, wo friedfertiges Landhaus in kecken Kriminalwahnsinn fährt. Die Toten liegen bald, „Die Spätfolgen von Auschwitz ist der Schuh des Manitu!“, ärgert sich Ephraim. Doch was war geschehen? Schon neun lange Jahre sitzt Conrad Weitzmann (Thilo Prothmann) an seinem scheinbar unvollendbaren Drehbuch „Der Orangenhain“, eine palästinisch-terroristische Liebesgeschichte.

Auf einer Party entführen Conrad und sein Vater Ephraim, Joost Siedhoff spielt einen antifaschistischen Griesgram, dessen Worte immer mit einem Schimpf auf die deutsche Vergangenheit enden, den Fernsehredakteur Stuckradt Halmer (Jan Stahlberg). Dieser soll beim Drehbuch helfen und scheint, in einem Kellerzimmer angekettet, die ganze Sache erstmal so hinzunehmen. Cool mag man angesichts der Lage wohl denken. Schließlich bittet Conrad ja auch um Entschuldigung. Er dürfe, sobald ein Urteil über dem Drehbuch stehe, gehen. Klingt nach einem Angebot, das Conrad auch gerne erhalten hätte.

Denn zigmal versuchte er bereits sein Drehbuch dem deutschen Hollywood-Redakteur zu unterbreiten, sein Arthaus-Skript kam unbeachtet nicht an. Die Kritik an der medialen Verwahrlosung wird noch bei Vater Weitzmann deutlich, als er wieder einmal als Deutscher über deutsche Vergangenheit losschimpft, denn sogar die goldenen Berliner 1920er Jahre hat man vertrieben. Deutschen Expressionismus nach Amerika verramscht. Was hat man denn noch? So nimmt man sich, was man eben will.

Im Hintergrund indes geistert Mutter Weitzmann mit Strickzeug. Conrads mollige Schwester Marlene (Marie Schöneberg) komplettiert dann das Verbrecher-Quartett. Sie verliebt sich in Stuckradt, wobei nicht klar ist, was zwischen den beiden läuft. Marlene gibt einen Typus vom Bauerngirl, das kommt charmant lapidar, wirklich seriös nehmen kann man hier ja alles nicht. Wie bluternst sich das Szenario um Stuckradts gezwungenen Job eigentlich sticht, spürt er spätestens, als Vater Weitzmann ihm erstmal radikal einen Zahn zieht. Er müsse gleich wissen, womit es hier ist.

Bald schon fliegt auch die erste Leiche. Mit Ephraim ist nicht zu spaßen. Komischerweise kommt die Familie mit ihrem kühnen Krimivorgehen durch, als gleiche dieses einem gewöhnlichen Tagesausflug. Was bleibt ist der letzte Satz: „Die Masse hat immer Recht, aber es ist eine Minderheit, die sie ändert“

Obgleich der Film sich treffend satirischer Humorik bedient, schaffen es die letzten Szenen, dann noch einen ganz schmerzlichen Ernst zu zeichnen. Am Ende steht eine kleine Revolte. Gegen das verwehrende Establishment. Gegen den konventionellen Wohlfühlstuss. Der kleine Mann hat eben doch, was zu sagen. Der Kuckuck und der Esel macht sich jene Ausweglosigkeit zum Thema, die nicht nur in Amerika die Establishment-Gegner einen Donald Trump wählen lässt, sondern verschifft Verdrossenheit und Wüterichs in groteske Anarchie auf Kleinfeldbasis. Das gelingt soweit. Denn Arnstedt schafft die Satire so zu legen, dass gewisser Ernst sich unter manche Bilder mischt und sich doch nicht verfährt.

Dabei amüsiert Der Kuckuck und der Esel. Von Ärger kann hier kaum die Rede sein. Man nahm sich nur, was man wollte. Arnstedt erzählt schwarze Geschichte in einfacher Manege. Und das ist gut so! Denn leider scheint die Welt heute, an Ironie zu verlieren. Und wenn Vater Ephraim in letzter Szene dem Zuschauer zublinzelt, dann nur, weil man eben nicht alles gleich für wahre Münze nehmen soll. Wie gut doch Satire tut.

Der Kuckuck und der Esel ist seit dem 27. Oktober auf DVD erhältlich.

OT: Der Kuckuck und der Esel (2014)

Regie: Andreas Arnstedt

Länge: 95 Minuten

Beitragsbild: © missingFILMs

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