„Der Sohn der Anderen“ (2015): Kritik zum Verwechslungsdrama

Dorit Scharf 18. September 2015 0
„Der Sohn der Anderen“ (2015): Kritik zum Verwechslungsdrama

Joseph Silberg (Jules Sitruk) hat bis zu seinem 18. Geburtstag eigentlich ein ganz normales Leben: zusammen mit seiner jüngeren Schwester lebt er mit seinen Eltern in Tel Aviv. Die Familie ist finanziell gut aufgestellt, Vater Alon (Pascal Elbé) arbeitet im Innenministerium und Mutter Orith (Emmanuelle Devos) ist Ärztin. Joseph selbst liebt Musik, beeindruckt gerne Mädchen mit selbstgeschrieben Liedern und macht langsam Pläne für die Zeit nach der Schule. Vorher will er noch seinen Wehrdienst bei der israelischen Armee leisten. Bei einer Routineuntersuchen für seine Musterung kommt allerdings eine erschütternde Wahrheit heraus: Joseph ist nicht der biologische Sohn seiner Eltern. Er und ein anderer Junge, Yacin Al-Bezeez (Mehdi Dehbi), wurden in der Nacht ihrer Geburt im Krankenhaus vertauscht.

Vorsichtig nehmen die Silbergs und die Al-Bezeez Kontakt miteinander auf. Zu der emotionalen Aufgewühltheit über das Vertauschen der Kinder kommt hinzu, dass die Silbergs Israelis und die Al-Bezeez Palestinenser sind.

„Ich bin der Andere, und der Andere ist ich?“

Josephs Frage fasst das Thema des Films zusammen. Gerade noch war für alle Beteiligten die Welt geordnet. Joseph und Yacin kannten ihre Vergangenheit und wussten wo sie hin wollten. Ein wenig zumindest. Dass das alles als irgendwie falsch entpuppt, stellt ihr Leben zumindest zeitweise auf den Kopf: was wäre anders gelaufen, wenn ich in der anderen Familie aufgewachsen wäre?

Die Zweifel an der eigenen Identität sind es, die eine Brücke zwischen den beiden Familien schlagen. Und sie stellen fest, dass sie in vielen Bereichen doch gar nicht so verschieden sind. Ein charmantes Detail zum Beispiel ist, dass bei sich beide Väter von dem ganzen Chaos damit ablenken alleine ihre Autos auf Vordermann zu bringen. Dabei sind sie es, die anfangs beide gegen ein zu nahes Kennenlernen sind.

Im Interview mit dem französischen Magazin „20 Minutes“, erklärte Regisseurin Lorraine Lévy, dass das Medium Film als Vermittler sehe:

„Es ist ein Mittel zum Leben und um die Humanität des Anderen zu verstehen. Ein Film kann die Welt nicht verändern. Die die ihn gesehen haben können es.“

Die Verwechslungsgeschichte vor dem Hintergrund des Israel-Palästina Konfliktes spielen zu lassen, war gewagt: zu leicht hätte der Eindruck von einem einfachen Lösungsvorschlag entstehen können. Doch Lorraine Lévy schafft es diesen Stolperstein zu umgehen in dem sie die Familienfragen und die individuellen Zweifel in den Vordergrund rückt anstatt die jeweiligen Familien zu sehr durch Außenstehende kommentieren zu lassen.

Fazit

„Der Sohn der Anderen“ (LE FILS DE L’AUTRE) erzählt schlicht, aber dadurch um so eindrücklicher von der Verbindung zweier Familien, die sich eigentlich nicht hätten begegnen sollen. Der Film schafft es die Annäherungen zwischen zwei Familien zu erzählen, die für einander zuvor nur „die Anderen“ waren – und zwar ohne dabei vorschnell mit einem happy-clappy Multikulturismus daherzukommen. Stattdessen sind die Charaktere damit konfrontiert, wie an ihren bisherigen Überzeugungen gerüttelt wird. Die eigene Lebensart ist nicht mehr selbstverständlich, plötzlich gehört jemand, der als Feind galt, ein Familienmitglied.

Seit dem 17. September 2015 ist der französische Film auch in den deutschen Kinos zu sehen.

„Der Sohn der Anderen“ (2015): Kritik zum Verwechslungsdrama
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