Filmkritik: Die letzte Nacht (1998)

Florian Erbach 23. Februar 2014 0
Filmkritik: Die letzte Nacht (1998)

Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass in wenigen Wochen das Ende der Menschheit bevorsteht? Wie würdest du deinen letzten Tag verbringen wollen? Und vor allem: Mit dem würdest du die letzten Stunden verbringen? Während die meisten Regisseure und Produzenten einen eher offensiveren Weg gehen und Rettungskapseln, Raumschiffe mit Bomben ins All schicken und andere mannigfaltige Wege aufzeichnen, den Untergang der Menschheit filmisch darzustellen, geht Don McKellar mit die letzte Nacht (1998) – im Original Last Night – einen gänzlich anderen Weg. Die letzte Nacht ist kein Actionfeuerwerk oder eine große Inszenierung, sondern ein sehr reduzierter Endzeitfilm, der trotz des geringen Budgets und der verhältnismäßig schlechten Optik, absolut sehenswert ist. Doch der Reihe nach:

Die Welt wird untergehen – wie wirst du die letzten Stunden verbringen?

In die letzte Nacht ist nicht klar was oder wieso es passiert, es ist nur klar, dass um Punkt Mitternacht – dem Jahreswechsel von 1999 auf 2000 – die Welt untergeht. Die Menschen wissen dies schon einige Wochen und so ist die Phase des Chaos schon weitestgehend vorbei. Im Mittelpunkt steht daher nicht die Panik oder die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Tod, sondern es geht primär darum, wie man die letzten Stunden verbringt. Hauptaugenmerk liegt dabei auf Patrick Wheeler (Don McKellar), der zwar seine Familie an diesem schicksalhaften letzten Tag besucht, jedoch eigentlich beschlossen hat, diese letzte Nacht alleine zu verbringen. Doch sein Plan scheint nicht ganz aufzugehen.

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(c) Park Circus

Selten ist die Welt schöner untergegangen

Es ist verwunderlich, dass Last Night in Deutschland so gut wie keine Beachtung gefunden hat. Es gab keinen DVD-Release in Deutschland und auch die letzte TV-Ausstrahlung ist lange Zeit her. Woran mag das liegen? Ursachen hierfür kann ich kaum ausmachen. Ist es vielleicht die Länge des Films, die mit gerade einmal 67 Minuten ungewöhnlich kurz erscheint? Oder ist es doch einfach nur dem Umstand geschuldet, dass manche Filme „unter den Tisch“ fallen. An dem Inhalt kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Denn die kanadische Produktion ist inhaltlich und auch dramaturgisch ein sehr gelungener Film. Sicherlich sieht man dem Film das geringe Budget an und auch einige spannungsärmere Phasen sind vorhanden. Dennoch hat Don Mckellar, der gleichzeitig als Drehbuchautor, Regisseur und auch Hauptdarsteller fungierte, mit die letzte Nacht einen sehr atmosphärischen und fast schon herzlichen Endzeitfilm geschaffen.

Im Supermarkt: Everything must go

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(c) Park Circus

Erstaunlich ist, dass das Ende hier gänzlich unspektakulär daher kommt. Die schon erwähnte Phase des Chaos ist vorbei – doch was bedeutet das bei die letzte Nacht? Man sieht Verwüstungen, Verwahrlosung und Resignation. Es gibt jedoch keine schreienden Menschen, die durch die Straßen rennen und panisch die Geschäfte plündern. Warum auch? Das Ende ist Gewissheit, warum also die letzten Stunden mit Panik und Verzweiflung verschwenden? So ist der Film eine eher philosophische und ruhige Antwort auf 2012 (wenngleich der Film natürlich eher erschien) und besticht durch eine ganz eigene Atmosphäre. Fast schon beängstigend ruhig, ohne „Rambazamba“ werden hier die letzten Stunden inszeniert. Diese Ruhe ist im ersten Moment etwas befremdlich, wandelt sich dann aber zu einer großen Stärke des Films. Denn der Mensch ist für seine Anpassung bekannt – warum soll er sich nicht auch an das Ende anpassen? So wirken die letzten Stunden, natürlich trotz des dramatischen Hintergrunds, manchmal wie ein „gelaufener“ Samstagabend. Die Ungewöhnlichkeit der Inszenierung wird auch durch den dezent platzierten Humor unterstrichen.

Die Schauspielerriege kann mit Sandra Oh (Greys Anatomy), Sarah Polley (Dawn of the Dead) und dem Altmeister des „Körperhorrors“ Davin Cronenberg sogar einige bekannte Gesichter aufweisen. Auch die ein oder andere Nebenrolle ist mit bekannten Gesichtern besetzt. Don McKellar wirkte nach Last Night unter anderem noch an eXistenz und Stadt der Blinden mitwirken. Leider ist die letzte Nacht in Deutschland nicht bekommen und so muss man auf die amerikanische oder britische DVD von Last Night zurückgreifen.

Trailer zu Last Night (die letzte Nacht 1998)

Fazit zu die letzte Nacht (1998)

Die letzte Nacht ist trotz des bevorstehenden Weltungergangs ein sehr leiser, bedächtiger und gleichzeitig wunderschöner Film. Die Welt wird untergehen und die Menschen verbringen ihren letzten Tag in unterschiedlicherweise. Sei es mit einem Weihnachtsabend, alleine oder auf einer rauschenden Party. Was zunächst befremdlich wirkt, macht durchaus Sinn: Denn der Mensch ist für seine Anpassung bekannt. Warum sollte er sich nicht auch an das Ende der Welt anpassen? So ist das Ende nicht primäres Thema, sondern die Auseinandersetzung mit sich selbst und die Reflextion des eigenen Lebens. Mal deutlicher, oft aber auch versteckt, gibt es kleine Andeutungen und Fragen zum Leben. Der Film ist unter den Endzeit- und Weltuntergangsfilmen eine echte Perle, eben weil er so anders ist und weil diese Inszenierung funktioniert. Kleine Längen verzeih ich dem Film ohne Umschweife und möchte jedem, der dem Genre zugetan ist, diesen Film ans Herz legen. Die letzte Nacht ist wunderschöne Weltungergangsunterhaltung! 4/5

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