„Downsizing“: Kritik der Science-Fiction-Komödie von Alexander Payne

Nadine Emmerich 17. Januar 2018 0
„Downsizing“:  Kritik der Science-Fiction-Komödie von Alexander Payne

Wissenschaftler sehen Überbevölkerung als eines der größten Probleme der Menschheit an: Die stetig wachsende Bevölkerungszahl bedroht die Umwelt, das Klima, die Wirtschaft – einfach alles. Regisseur und Oscar-Preisträger Alexander Payne („Sideways“, „The Descendants“) nutzt die Ausbeutung des Planeten als Ausgangsszenario für seinen neuen Film „Downsizing“ und macht daraus eine skurrile Science-Fiction-Komödie, die den Wettbewerb der 74. Internationalen Filmfestspiele von Venedig eröffnete und die Feuilletons begeisterte.

Die Handlung: Der norwegische Wissenschaftler Jorgen Asbjornsen (Rolf Lassgard) will der Überbevölkerung auf ungewöhnliche Weise beikommen. Er erfindet das Downsizing, das radikale Schrumpfen von Menschen auf eine Körpergröße von knapp 13 Zentimetern. Alles wird umweltbewusster: Die 36 Menschen der ersten Winzling-Kolonie im hohen Norden produzieren in zwei Jahren nur einen halben Sack Müll. Außerdem wird alles extrem viel günstiger: Wer 100.000 US-Dollar auf dem Konto hat, ist damit in der werbewirksam „Leisureland“ genannten Welt quasi Multimillionär, kann sich eine schicke Villa und vieles mehr leisten. Da bleibt der Sozialneid der normalen Welt übrigens nicht lange fern, denn die Däumlinge bekommen wegen ihres niedrigen Ressourcenverbrauchs Steuererleichterungen.

Auch Paul (Matt Damon) und seine Frau Audrey (Kristen Wiig) wollen den Schritt wagen – allerdings mehr um in Luxus zu schwelgen denn um die Welt zu retten. Audrey träumt von einem tollen großen Haus, der Schlachthof-Physiotherapeut Paul dagegen hat gerade erst die Schulden seines Studiums abgestottert. Downsizing bietet ihm die Möglichkeit, seiner jungen Gattin ein Leben in Saus und Braus zu bieten. Das Paar feiert seinen Abschied, dann wird’s ernst. Fünf Stunden dauert die Schrumpfprozedur, Männlein und Weiblein getrennt. Doch als Paul aus der Narkose erwacht, liegt er allein im Krankenzimmer. Und eine aufgelöste Audrey ruft an: Sorry, ich kann meine Familie und Freunde doch nicht einfach so zurücklassen.

Auch im „Leisureland“ gibt es eine Zweiklassengesellschaft

Unerwartet muss sich Paul allein in der Zwergenwelt durchschlagen. Und ab hier bekommt die Story eine neue Richtung, erleidet dabei erste Risse – denn ziemlich schnell ist es für die Handlung eigentlich uninteressant, ob sich die Ereignisse in der Small World oder wo auch immer abspielen -, schlägt aber auch nachdenklich stimmende, ernstere Töne an.

Der verlassene Paul beginnt zögerlich ein neues Leben, lernt seinen serbischen Nachbarn, den Partylöwen Dusan (großartig: Christoph Waltz!), und dessen Kumpel Joris (Udo Kier) kennen sowie die vietnamesische Putzfrau Ngoc Lan (Hong Chau), eine Dissidentin, die bei der Abschiebung ein Bein verlor. Alsbald zeigt sich: Auch im „Leisureland“ der vermeintlichen Gutmenschen gibt es eine vom Kapitalismus regierte Zweiklassengesellschaft. In dieser muss Ngoc Lan schuften, während sie sich zugleich aufopfernd um arme Menschen in ihrem fiesen Wohnblock kümmert. Paul, den sie für einen Arzt hält, scheucht sie grob auf, sie dabei gefälligst zu unterstützen. Und – drei Mal raten – natürlich verknallt sich Paul in Ngoc Lan.

Die Themen Überbevölkerung und Nachhaltigkeit sind als Ausgangsszenario fein gewählt, und die Downsizing-Lösung hat ihren Reiz. Auch die kurz angerissenen Schattenseiten der revolutionären Technik – Diktatoren, die Feinde schrumpfen lassen, und Terroristen, die unerkannt die Grenzen passieren – sind grandios. Leider verpufft Paynes amüsanter und  geistreicher Einstieg ins Hollywoodkino jedoch im Laufe des Films etwas. „Downsizing“ hat zu viele Handlungsstränge, die mit dem Basisszenario nicht mehr viel gemein haben und die 135 Minuten lange Sozialsatire zum Ende hin ausbremsen. Auch die Romanze zwischen Paul und Ngoc Lan wirkt konstruiert. Dennoch: Bei den nächsten Oscars wird „Downsizing“, der in Venedig leer ausging, sicher mitmischen.

Kinostart ist der 18. Januar.

Bild: Copyright Paramount Pictures

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