Ein umstrittenes Remake: Filmkritik zu „Death Wish“ von Eli Roth

Christopher Hechler 10. August 2018 0
Ein umstrittenes Remake: Filmkritik zu „Death Wish“ von Eli Roth

Unerlässlich läuft es vor sich hin, dass Hollywood’sche Remake- und Fortsetzungs-Bollwerk alter Filmklassiker, die vermeintlich verstaubt und vergessen für ein aktuelles Publikum neu aufgewärmt werden. Während manch ein auserwählter es schafft, der Vorlage gerecht zu werden und sie im besten Fall sogar für das zeitgenössische Unterhaltungskino nicht nur anzupassen, sondern auch zu erweitern – etwa so, wie es Denis Villeneuve mit dem großartigen „Blade Runner 2049“ gelang – verendet das Gros solcher Versuche der Modernisierung und Fortsetzung doch im Nirwana der vielen ebenso bedeutungs-  wie lieblos umgesetzten, profitorientierten und gleichförmigen Werke.

Interessant wird es dann, wenn man das Medium Film stets auch als ein Kind seiner Zeit, als Spiegel der damaligen Gesellschaft betrachtet und ebenjenen Blickwinkel auch auf das jeweilige Remake anwendet. Manch eine Neuverfilmung, manch ein scheinbar ideenloser Griff nach dem schnellen Geld bekommt dadurch eine ganz neue Grundlage zum Diskurs.

So auch bei Eli Roths „Death Wish“, dessen filmische Vorlage 1974 unter dem klangvoll eingedeutschtem Titel „Ein Mann sieht Rot“ in den hiesigen Lichtspielhäusern einen auf Rache sinnenden Charles Bronson in der Hauptrolle präsentierte. Zwar inhaltlich mit der ein oder anderen Abweichung (der moralisch zutiefst fragwürdige Protagonist war im Original ein Architekt, im Remake ist er nun ein Chirurg), bleibt der Kern der Handlung der gleiche.

Als die Familie eines Mannes, in diesem Fall die des Chirurgen Paul Kersey (Bruce Willis), Opfer eines Überfalls wird und sich die Polizei zunehmend überfordert zeigt, offenbart sich die Selbstjustiz als letzte Instanz möglicher, wenn auch aus Rache getriebener, Gerechtigkeit. Paul nimmt nun also das Gesetz selbst in die Hand und wird gleichermaßen Richter und Henker für die, die seiner Meinung nach das Recht auf ihr Leben verwirkt haben. Die von Roth dargestellte Welt, in der dieser neue „Death Wish“ spielt, ist eine Welt der Extreme und der überzeichneten Kontraste. Schon die nächtlichen Panoramen des als kriminelle Hochburg inszenierten Chicagos setzen, unterlegt mit Ausschnitten des Polizeifunks und Kommentaren von über Mord und Totschlag berichtenden Radiomoderatoren, die düster-comichaft anmutende Atmosphäre des Films früh fest. Dieses Chicago ist gleichermaßen karikaturistisch wie der später als klassische Antiheld gefeierte Protagonist des Films.

Die Figur des Paul Kersey ist verkörperter, weißer, patriotischer, im Amerikanismus verankerter Inbegriff einer in Klischees ertränkten und längst überholten oberen Mittelschicht, die im Trump’schen Zeitalter ebenso vorbelastet wie unmodern, ja beinahe – gerade aus europäischem Blickwinkel – konservativ-rückständig ist. Im Universum der Familie Kersey geschehen Kriminalität und Armut lediglich außerhalb, einzig die Tätigkeit als Chirurg, der tagtäglich Kugeln aus seinen Patienten holen muss, lässt Paul im wörtlichen Sinne Hand an die Folgen der Gewalt anlegen.

Ebenso fern der tatsächlichen Filmrealität wie der Protagonist, ist die Autorität des in seiner Funktion nahezu gänzlich ausgehebelten Staatssystems, dessen Unfähigkeit in der völligen Machtlosigkeit seiner Exekutive – namentlich der Chicagoer Polizei – mitsamt altbekannten Stereotypen derart pointiert dargestellt wird, dass es fast ein Freude ist. Dieser Mangel an funktionierender Justiz, dieses Versagen des Staates seine Bürger zu schützen und Kriminelle zur Rechenschaft zu ziehen, bildet den ausschlaggebenden Punkt für Kersey, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen.

Porträtiert wird in „Death Wish“ vieles. Nicht nur am sozialen Status orientierte Parallelgesellschaften, eine in sich zusammenfallende Justiz und die Abkehr eines gutbürgerlichen Musterbeispiels vom amerikanischen weißen Mann, hin zur dunklen Seite – auch der Kernkonflikt, den ein solches Genrekino präsentiert, wird aufgegriffen. Gemeint ist der moralisch wie ethische Zwiespalt, der im für und wider der Selbstjustiz liegt: Ist es in Ordnung, dass hier jemand das Gesetz selbst in die Hand nimmt und über Leben und Tod entscheidet, solange er „nur“ Verbrecher umbringt?

Eine Antwort, ein klares Statement vermisst man am Ende doch schmerzlich. Der vielen Kritik, die der Film im Vorfeld aufgrund seiner vermeintlichen Gewalt- und vor allem Waffenverherrlichung erhielt, hätte man so entgegenwirken können. Zurecht muss sich Roth also die Frage gefallen lassen, ob ein Film mit dieser Thematik im Jahr 2018 sich noch eines klaren Standpunktes, einer politischen Ernsthaftigkeit, verwehren darf. Die vielen angeschnittenen Konflikte, die Stilisierung, das Spiel mit Klischees – es zeigt, dass der Regisseur sich Gedanken gemacht hat, nur bringt er diese nicht zu Ende.

Stattdessen boykottiert der Film seine durchaus vorhandene Grundlage zum Diskurs durch Stumpfsinnigkeit. Die Gewalt ist recht schnell nicht mehr nur Mittel zum Zweck, sondern möglichst blutig inszeniert. Bruce Willis‘ Charakter bekommt keine Tiefe – der moralische Konflikt der ihn beschäftigen sollte, spielt für ihn sogar die geringste Rolle – sondern bleibt am Ende des Tages doch der typische Actionheld, den man zu Genüge kennt. Es ist fast so, als hätte man noch die ein oder andere Szene extra eingebaut, um den Erwartungen eines klassischen Actionfilms gerecht zu werden. Und das, obwohl die recht langsame Erzählweise und Inszenierung des Films durchaus Raum für etwas anderes geboten hätten.

Am Ende ist Eli Roth’s „Death Wish“ also solides Actionkino. Sein verschenktes Potenzial, ein klares Statement zu setzen und seine gut gedachten Ideen zu Ende zu bringen, hält den Film jedoch davon ab, in die Riege der Remakes aufzusteigen, die eben nicht nur altbekanntes in eine neue Zeit übernehmen, sondern es für das moderne Publikum anpassen und erweitern.

„Death Wish“ ist seit dem 10.08.2018 auf DVD, Blu-ray, 4K Blu-ray und VoD erhältlich.

Beitragsfoto: © Universum Film, 2018.

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