„Elisa y Marcela“: Kritik des Netflix-Dramas im Berlinale-Wettbewerb

Nadine Emmerich 13. Februar 2019 0
„Elisa y Marcela“: Kritik des Netflix-Dramas im Berlinale-Wettbewerb

Spanien um 1900, Elisa und Marcela lieben sich seit ihrer Schulzeit. Lesbische Beziehungen sind in dieser Zeit indes ein Sakrileg. Doch das Paar lässt sich nicht trennen. Die katalanische Regisseurin Isabel Coixet, seit Jahren Stammgast bei der Berlinale, hat mit dem auf einer wahren Geschichte basierenden Schwarzweißdrama „Elisa y Marcela“ ein Ausrufezeichen im bisher sonst eher faden Wettbewerb des Festivals gesetzt. Und schon Tage vorher eine hitzige Debatte um Streamingdienste entfacht.

Als Marcela an ihrem ersten Tag im Gymnasium auf Elisa trifft, fühlen sich beide Mädchen sofort stark zueinander hingezogen. Der erste zaghafte Kuss lässt nicht lange auf sich warten. Ebenso schnell sind die jungen Frauen jedoch schon wieder getrennt, denn Marcelas Vater schickt seine Tochter auf ein Internat weit weg von Elisa. Jahre später treffen sich die Frauen, inzwischen beide Lehrerinnen, in Galizien wieder. Ihre Gefühle sind unverändert, beide beschließen, miteinander zu leben – dies jedoch vor der katholischen Dorfbevölkerung streng geheim zu halten.

Das lesbische Paar zieht indes schnell skeptische Blicke auf sich. Um dem Misstrauen zu entkommen, verlässt Elisa scheinbar das Dorf – und kehrt als Vetter Mario mit kurzen Haaren und Männerklamotten zurück, um Marcela in der Kirche San Jorge in A Coruña 1901 zur Frau zu nehmen. Die Dorfgemeinschaft lässt sich allerdings nicht täuschen: Als vor ihrem Haus der Mob tobt und Elisa am liebsten die Kleider vom Leib reißen will, entscheiden die Frauen sich zur Flucht nach Südamerika.

Niemand außer Netflix wollte Film finanzieren

Doch sie kommen nur bis Porto, dort klicken die Handschellen, und Spanien fordert die Auslieferung des Paares. Transvestismus, Blasphemie und Dokumentenfälschung lautet die Anklage, darauf steht jahrzehntelange Haft. In Portugal gibt es aber auch unerwartet Sympathie und Solidarität mit den Frauen – und Hilfe von höchster politischer Stelle. All dies erzählt Coixet, bekannt für starke Frauenfiguren, nicht nur extrem empathisch, sondern auch in unglaublich schönen und melancholischen Bildern.

Zehn Jahre sei es her, dass sie das erste Mal von Elisa Sánchez Loriga und Marcela Gracia Ibeas gehört habe, sagte Coixet am Mittwoch bei der Vorstellung des Films bei der 69. Berlinale. Sie habe die Dörfer besucht, in denen die Frauen damals lebten, und ein Drehbuch geschrieben. Finanzieren wollte ihren Film aber jahrelang niemand. Der erste Satz im Drehbuch sei der Haken gewesen. Er lautete: Dieser Film ist ein Schwarzweißfilm. Dafür sah kein Produzent einen Markt – bis Netflix kam und ein überschaubares, für vier Wochen Dreharbeiten reichendes Budget zur Verfügung stellte.

Was für ein Glück, mag man denken, wenn man „Elisa y Marcela“ gesehen hat. Beim diesjährigen Filmfest führte das Netflix-Engagement jedoch schon seit Wochen zu Aufruhr – zuletzt wurde sogar ein Ausschluss des Dramas aus dem Wettbewerb diskutiert. Coixet und ihre Hauptdarstellerinnen Natalia de Molina (Elisa) und Greta Fernández (Marcela) können die Aufregung nicht nachvollziehen. „Dank Netflix können den Film nun viel mehr Menschen sehen“, kommentierte Fernandez in Berlin. Coixet hofft, dass das Drama „über die Liebe und gegen Vorurteile“ nach einem möglichen Erfolg in Spanien, wo es in die Kinos komme, auch in anderen Ländern doch noch einen Verleih finden werde.

Foto: Netflix

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