Fantasy Filmfest (2016): Von Zombies und Mittelfingern

Marie-Hélène Lefèvre 10. September 2016 0
Fantasy Filmfest (2016): Von Zombies und Mittelfingern

Alle Jahre wieder wird es – nein, nicht besinnlich – sondern extrem blutig, nervenzerreißend spannend und schreiend komisch, wenn das Fantasy Filmfest in deiner Stadt haltmacht. Nach Berlin und Nürnberg war vergangenes Wochenende München dran und hat mit einer bunten Palette an Genrefilmen sein 30-jähriges Bestehen gefeiert.

Horror, Thriller und Komödien

Wie der Name des Festivals (nicht) erahnen lässt, bietet das Festival eine Plattform für besondere, internationale Genrefilme und Filmperlen, die es oft nichts ins deutsche Kino schaffen, weil sie zu edgy, schrill oder zu unbekannt sind. Von Horror, Thriller bis zu Komödien sind alle Genres vertreten. Ich möchte euch hier die vier Filme vorstellen, die ich mir angeschaut habe.

Swiss Army Man

Die „Harry Potter“-Filmreihe ist schon lange her, das merkt man immer dann, wenn man Daniel Radcliff in anderen Filmen sieht. Nach der Rolle als Zauberlehrling hat er ein gutes Gespür für außergewöhnliche Figuren bewiesen: Ob als drogenabhängiger Arzt (A Young Doctor’s Notebook) oder als Undercover-Polizist in der rechtsextremen Szene (Imperium – ebenfalls auf dem Filmfest zu sehen), der 27-Jährige kann überzeugen. Im Eröffnungsfilm des Festivals und Debütfilm von Dan Kwan und Daniel Scheinert spielt er neben Paul Dano (Little Miss Sunshine) ebenfalls mit, nämlich als Leiche – richtig gelesen, Leiche. Die Handlung klingt genauso absurd und fantastisch wie genial: Hank (hervorragend: Paul Dano) ist auf einer einsamen Insel gestrandet und findet einen leblosen Körper (Daniel Radcliff), der von ihm zum Leben erweckt wird und erstaunliche Fähigkeiten besitzt. Was folgt ist eine Reise in eine sehr berührende Fantasiewelt mit viel Charme und Witz. Wer fantastische Filme wie Beasts of the Southern Wild mag, wird in diesem originellen Buddy Movie voll auf seine Kosten kommen. Alle anderen sei Swiss Army Man dennoch ans Herz gelegt, denn so viel Originalität gab es in letzter Zeit nicht mehr im Kino zu sehen.

Psycho Raman

Achja, in indischen Filmen wird getanzt, gelacht und geheiratet und wenn sie nicht gestorben sind, werden sie brachial mit einer Eisenstange erschlagen, denn indisches Kino kann auch ganz anders. Schon von der ersten Minute an grenzt sich dieser Psycho-Thriller so radikal von der gängigen europäischen Erwartung an die Filmexporte aus Indien ab, dass es eine wahre Freude ist: So lässt Regisseur Anurag Kashyap seinen Protagonisten, den korrupten Polizisten Raghavan, erst einmal auf Koks zu Hardcore Techno abtanzen bevor sich die Handlung der zweiten zentralen Figur, dem Serienmörder Ramanna, widmet. Dieser glaubt bald in dem drogensüchtigen Raghavan einen mörderischen Seelenverwandten gefunden zu haben und nähert sich ihm zum Leidwesen aller, die ihm in die Quere kommen. Der indische Schauspieler Nawazuddin Siddiqui überzeugt dabei als verrückter Killer so sehr, dass es einem kalte Schauer über den Rücken jagt und man dem Film deshalb auch die ein oder andere Länge verzeiht.

War On Everyone

Was haben wir gelacht: Unverschämt, rücksichtslos und komisch – das ist die Buddy Komödie des britischen Regisseurs John Michael McDonagh (The Guard) über zwei korrupte Polizisten, die sich am Geld eines Gangsterbosses bedienen wollen. Alexander Skarsgård gibt dabei das trinkende, koksende Arschloch mit dem weichen Kern und Michael Peña das philosophierende, Kinderbeleidigende Ekelpaket. Gemeinsam sind sie unschlagbar unterhaltsam und glänzen in den Hauptrollen, begleitet von ebenso gut besetzten wie skurrilen Nebenfiguren, die genauso auch aus einem Tarantino- oder Guy Ritchie-Film stammen könnten. Absolute Empfehlung!

Train to Busan

Eines der Highlights und ein würdiger Abschluss war der Zombiefilm Train to Busan, der mit 10 Millionen Kinogängern der derzeit erfolgreichste koreanische Film. Worum es geht ist schnell erzählt: Um seiner jungen Tochter Su-an zum Geburtstag eine Freude zu machen, begleitet Vater Seok-woo seine Tochter nach Busan, um seine dort lebende Ex-Frau zu besuchen. Kaum in den Zug gestiegen, breitet sich eine rasent schnelle Zombie-Epidemie aus, die bald auch die Insassen des Zuges befällt. Blutige Action, menschliche Abgründe und viel Emotionen stehen hier auf dem Programm. Dabei gelingt es dem Film mit dem Zug-Setting einen neuen, spannenden Dreh in das Genre Zombiefilm zu bringen. Um gute Schreckmomente nicht vorwegzunehmen, stelle ich euch hier nur den Teaser rein.

Fantasy Filmfest

Ihr habt Lust auf das Festival gekriegt? Dann nichts wie hin: Dieses Wochenende gastiert das Festival noch in Köln,  Frankfurt und Stuttgart und ist noch bis zum 18. September in Hamburg.

Ihr habt keine Gelegenheit hinzugehen? Nicht so schlimm. War on Everyone wird hierzulande unter dem Titel Dirty Cops in die Kinos kommen. Swiss Army Man wird ab dem 13.Oktober zu sehen sein und Train to Busan wird so oder als Remake – aktuell reißt sich Hollywood um das Drehbuch – auf unsere Leinwände kommen. Alle, die das Fantasy Filmfest-Feeling nicht missen wollen, haben noch die Möglichkeit mittwochs um 22 Uhr Tele 5 einzuschalten. Dort wird den Fantasy-Perlen ein fester Platz freigemacht.