Fear the Walking Dead Staffel 1: Kritik zur Folge 4 „Nicht vergehen“

Marie-Hélène Lefèvre 23. September 2015 0
Fear the Walking Dead Staffel 1: Kritik zur Folge 4 „Nicht vergehen“

Es geht zur Sache: Der Auftakt der zweiten Hälfte der Staffel verdichtet die Handlung und die Bedrohung wird größer – interessanterweise geht sie nicht von den Untoten aus, sondern von den Menschen selbst.

Das Militär übernimmt die Kontrolle

Folge 3 „Der Hund“ endete mit dem unerwarteten Einmarsch des amerikanischen Militärs in das Wohnviertel unserer Protagonisten. Episode 4 setzt neun Tage nach dem plötzlichen Auftauchen der Soldaten ein. Die Armee hat einen Grenzzaun um ein paar Straßen des Viertels gezogen und kontrolliert das Geschehen innerhalb des Zauns mit strenger Hand. Außerhalb des Gebietes gibt es laut Soldaten keine Überlebenden mehr. Durch Zufall entdeckt Travis‘ Sohn Chris eine Lichtreflektion außerhalb des Zauns und filmt sie mit seinem Camcorder. Er glaubt, dass es sich um ein Signal handelt und wird in seiner Skepsis gegenüber den Aussagen des Militärs bestärkt. Madison und auch Travis tun es als Einbildung ab und versuchen weiter das tägliche Leben zu meistern. Travis‘ Ex-Frau Liza hilft als Krankenschwester die Kranken im Viertel zu versorgen. Eine Ärztin des Militärs taucht auf und bittet Liza ihr in einer Einrichtung außerhalb des Zauns zu helfen. Auch Griselda, die sich in Folge 3 auf ihrer Flucht verletzt hat, soll dort hingebracht werden. Ihr Mann Daniel traut den Soldaten und der Ärztin nicht. Bestärkt von ihm und Chris‘ Video, entschließt sich Madison einen Blick außerhalb des Zauns zu werfen. Was sie dort sieht, bestätigt das Misstrauen von Daniel und Chris. Als die Soldaten nachts in Madisons Haus stürmen, um Griselda mitzunehmen, zehren sie zum Entsetzen aller auch Nick mit.

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Was passiert, wenn die Regeln der Zivilisation außer Kraft gesetzt werden, ist ein spannendes und wiederkehrendes Thema in Serien. Es gleicht einem soziologischen Expermient: Wie verhalten sich die Menschen in diesen Ausnahmesituationen, ausgelöst durch Anschläge („Jericho“), Katastrophen („The Walking Dead“), Krieg („Falling Skies“) und Isolation („Lost“)? Serien wie diese behandeln das menschliche Verhalten nach dem Zusammenbruch von gesellschaftlicher Ordnung in all ihren Facetten und machen die Handlung nicht nur vielschichtig und authentisch, sondern auch spannend. Denn zur Bedrohung von außen, in Form von Terroristen, Viren, Aliens, Gefahren der Natur und übernatürlichen Phänomenen, gesellt sich die Innere, die, die vom Menschen selbst ausgeht. Wie auch schon in „The Walking Dead“, entpuppt sich der Mensch in „Fear the Walking Dead“ als weit größere Gefahr für seine Mitmenschen als die Untoten, die im Übrigen keinen Auftritt in dieser Folge haben.

Daniel Salazar erkennt die Gefahr früh, Travis dagegen möchte sie nicht wahrhaben und glaubt an die guten Absichten des Militärs. Er wendet sich an den Befehlhaber des eingezäunten Viertels, Lieutenant Moyers, um zwischen den Bewohnern und dem Militär zu vermitteln. Seine Worte stoßen bei Moyers jedoch auf taube Ohren. Mitgefühl ist ihm fremd und auch seine Absichten sind mehr als zweifelhaft. Einmal mehr spielt auch „Fear the Walking Dead“ auf spannende Weise durch, was Angst und Macht für verherrende Folgen für Empathie und Moralverständnis haben.

Neue Regisseurin und bekannte Gesichter

Gleich zu Beginn wartet die Folge mit einem unterschiedlichen Look auf. Die Regie führte dieses Mal nicht Adam Davidson, wie in den vergangen drei Episoden, sondern die Kanadierin Kari Skogland. Die Serienerprobte Regisseurin inszenierte in den vergangen Jahren Folgen für „Under the Dome“, „Broadwalk Empire“, „Vikings“, „Die Borgias“ und viele mehr. Der Anfang vor dem Intro ragt in Folge 4 besonders hervor. Erstmals gibt es einen Zeitsprung in der Handlung, der neun Tage beträgt. Die Zusammenfassung der Geschehnisse erhält der Zuschauer von Chris, der mit seinem Camcorder die Gegend filmt. Geschickt eingefädelt und unaufdringlich setzt die Figur den Zuschauer damit auf den neuesten Stand, während die paradoxe Situation zwischen Außnamezustand und Normalität innerhalb des Zauns durch den Ton auf die Spitze getrieben wird. Lou Reeds Song „Perfect Day“ steht im harten Kontrast zu den gezeigten Bildern der zerstörten Wohnsiedlung, der verletzten und Hunger leidenden Bewohner, während Nick auf einer Luftmatratze im Pool liegt und Travis durchs Viertel joggt. Die gesamte Grundstimmung wird hier ausgezeichnet eingefangen. Mit dem Ende von Chris‘ Monolog setzt das gewohnte Intro ein, das musikalisch ebenfalls einen harten Kontrast setzt. Der Regiewechsel bekommt dem Look der Serie sehr gut. Die Dynamik der Kamera bleibt diesselbe, aber ihre Perspektiven werden um erfrischend ungewöhnliche Einstellungen erweitert (beispielsweise Blicke durch die Garage und im Zusammenspiel mit Spiegeln) und mit verfremdenden Nahaufnahmen bereichert (beispielsweise die Aufnahme des Sekundenzeigers der Küchenuhr). Insgesamt hat Skogland in „Fear the Walking Dead“ einen hervorragenden Einstand gegeben und bleibt der Serie für eine weitere Folge erhalten.

Für Serienfans bietet die Folge „Nicht vergehen“, im Original „Not Fade Away“, noch zwei Überraschungen. Die Neuzugänge in der Besetzung, Lieutnant Moyers und Ärztin Dr. Bethany Exner, werden von zwei bekannteren Schauspielern verkörpert. Sandrine Holt, zuletzt in „Terminator Genisys“ und der Serie „House of Cards“ zu sehen, spielt die undurchsichtige Militärärztin. Für den skrupelfreien Moyers konnte die Serie den Schauspieler Jamie McShane gewinnen, der als vielgebuchter Darsteller für Nebenrollen unter anderem in „Bloodline“ und „Sons of Anarchy“ bereits zwielichtige Charaktere verkörperte.

Wie bereits in der Woche zuvor, hat Amazon Prime Instant Video die Altersfreigabe für die vorige Folge runtergestuft. Folge 3 „Der Hund“ ist nun auch ab 16 Jahren freigegeben. Daher wird auch Folge 4 ab nächster Woche sicher ohne Sicherheitspin verfügbar sein.

Die vierte Folge profitiert stark von den Alleingängen ihrer Figuren. Chris‘ Entdeckung, Madisons Nachforschung, Nicks und Alicias Ausflüge, Lizas Arbeit, Ofelias geheimes Treffen und Travis‘ Unterredung mit Moyers und den Anwohnern sorgen für mehr Komplexität. Außerdem lernt der Zuschauer die Figuren dadurch besser kennen. Der Spannungsbogen ist dabei straff gespannt: Was geschieht mit Nick und Griselda? Wie können Madison, Travis und die Anderen dem Militär entkommen?

Die fünfte Folge in der kommenden Woche wird „Cobalt“ heißen, was den Zombiefans die Ohren klingeln lässt, denn noch bevor der Titel „Fear the Walking Dead“ feststand, hatte die Spin-off Serie den Arbeitstitel „Cobalt“. Dies deutet darauf hin, dass dem Begriff eine wichtige Rolle zukommt. Welche, wird nächste Woche gelüftet, wenn sich das Staffelfinale mit großen Schritten nähert.

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