Filmkritik: The Crime (2012)

Martin 26. November 2013 0
Filmkritik: The Crime (2012)

Zwischen „Bad Ass“ und Arschloch ist es eine schmale Gratwanderung. The Crime möchte den Hauptcharakter zum Ersteren machen, übertreibt es aber. Nach und nach komme ich zu der Überzeugung, dass ich es hier mit einem pathologischen Drecksack zu tun habe. Je mehr sich dieser Eindruck verstärkt, desto weniger nimmt mich der Film mit.

Aber der Reihe nach: Jack Regan ist der Leiter der Sondereinheit „The Sweeney“, die Verbrecher gerne mit schlagkräftigen Argumenten ausschaltet. Regan ist kein Mann halber Sachen. Er hat eine Affäre mit seiner Kollegin Nancy (Hayley Atwell), die er gleich in der ersten Szene in die Toilette entführt, wo beide sich gegenseitig „inspizieren“. Eines Tages wird ein kleines Juweliergeschäft überfallen, bei dem eine Kundin von einem der Täter erschossen wird. Jack findet heraus, dass das nur das Werk von einem seiner früheren kriminellen Bekannten sein kann, den er sodann dingfest macht. Wie sich herausstellt, liegt er aber falsch. Zu allem Überfluss ist mittlerweile die interne Untersuchungseinheit in Verkörperung von Iwan Lewis (Steven Mackintosh) auf die Abteilung angesetzt, pikanterweise der Ehemann von Nancy. Nachdem Jack diesen bereits gern offen etwas piesackt, gehen mit ihm nach seinem Fehler die Pferde durch und er auf gewaltsame Tuchfühlung mit dem Gatten. Jack droht ihm und verlangt nicht weiter belästigt zu werden. Spätestens hier kippt der Film, denn Jack Regan ist mehr eine Karikatur eines wild gewordenen Cops, denn ein harter Hund à la Clint Eastwood.

Schauen wir uns die hier dargestellte Figur mal genauer an: Er hat eine Affäre mit einer verheirateten Frau, und ja, sie mit ihm. Er beschimpft den Ehemann als Schwächling und brüstet sich damit, unter anderem direkt vor ihm, dass er das Verbrechen anders als dieser nicht vom Schreibtisch aus bekämpfe, sondern auf der Straße. In der sehr gut gemachten Anfangsszene, in der zuerst nicht klar ist, ob seine Kompanie die Kriminellen oder die Polizei sind, versteckt er sich lustigerweise hinter Pappmaché und greift erst dann ein, wenn er durch eben jene nach einem bösen Buben schnappt, um einen markigen One-Liner abzugeben. Gerne, wie andere Bad-Asses vor ihm, ignoriert er mehrfach direkte Befehle von Autoritäten. Nur haben diese Entscheidungen Konsequenzen für Leib, Beruf und Leben der eigenen, ihm anvertrauten Leute. Er erkauft sich Tipps für zukünftige Brüche von der Beute anderer Überfälle, die er mitgehen lässt. Das gibt er auch offen (dummer- und arroganterweise) gegenüber Lewis zu. Seine Rechtfertigung: Solche Mittel sind notwendig um diesen Job auszuführen und um sich die richtigen Riecher finanzieren zu können.

Irgendwann hat man also den Eindruck, dass dieser Jack Reagan ein durch und durch mieser Kerl ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn dass das Ziel des Films gewesen wäre. Aber indem man eben nicht meterweit, zumindestens anfangs, sondern graduell an der Darstellung des Bad-Asses vorbeischrammt, habe ich das Gefühl, dass das nicht intendiert war und uns hier ein Anti-Held verkauft werden soll. Stattdessen ist Regan ein Anti-Typ. Ray Winstone, der diese Figur verkörpert, tut sich (körperlich) schwer, die Rolle auszufüllen. Er wirkt nicht nur in den Action-Szenen, sondern auch in den Bettaufnahmen mit der sehr viel jüngeren Hayley Atwell aufgrund seines Alters und Umfangs etwas deplaziert. Die Rolle der Nancy ist vor allem auf ihre körperliche Anziehungskraft, sowohl durch Wort als auch Bild, reduziert. Warum sie gerade mit Regan zusammen ist, erschließt sich dem geneigten Zuschauer nicht. Damian Lewis, der aus der hervorragenden Serie Band of Brothers bekannt ist, verkommt zu einem viel zu wenig genutzten Nebendarsteller, dessen einzige Aufgabe zu sein scheint, Jack immer wieder vor zu grobem Vorgehen zu warnen, worauf dieser aber nicht eingeht. Ben Drew spielt den engsten Freund von Regan, George, und macht seine Sache ok, mehr aber auch nicht. Der Rest der Crew bleibt außer ein paar Trinksprüchen, Einzelszenen und Action-Sequenzen weitestgehend außen vor, oder sie sitzen – größtenteils wortlos – im Büro der Sweeney, das durch seine Fensterscheiben immer einen Blick auf den Ort des filmischen Geschehens, London, zulässt.

Regisseur Nick Love schafft es an diesen Stellen durch Aufnahmen von Dächern, aus dem Polizeibüro oder durch Luftaufnahmen einen durchgehenden und dem Film eigenen visuellen Stil zu verleihen. Personen sind analog oft mit ganzem Körper zu sehen, wodurch die Größe der Stadt, sowie von inneren und äußeren Einrichtungen klar zum Vorschein kommen. Gepaart mit dem druckvollen und langsamen Soundtrack, der stellenweise Noir-Flair versprüht, ergibt sich eine stimmige und gefällige audiovisuelle Gestaltung. Nur beim inhaltlichen Heranzoomen auf die in ihr stattfindende Handlung und den Großteil der Charaktere geht dabei ironischerweise einiges schief. „Style over substance“, wie es so schön heißt.

Denn die Story ist wenig packend. Da Regan immer wieder fragt „Have I lost my touch?“ wird ein Twist geradezu angekündigt. Der Film wartet zudem mit einer ärgerlichen und folgenschweren Unlogik auf – Eine Frage, Herr Kommissar Drehbuchautor: „Warum tragen bei einem Einsatz nicht alle Mitglieder Schutzwesten?“ Auch die kurzweiligen Auto-Verfolgungsjagden und Action-Szenen (darunter Schussszenen vor der National Gallery! – sowohl Polizisten als auch Kriminelle sind hier nicht sehr zielsicher) verpuffen, wenn Geschichte und Charaktere löchrig sind.

FAZIT

Die Aufmachung ist toll, der Rest dagegen höchstens annehmbar. Während der erste Teil des Films noch Spannung verspricht, reißen Unlogiken, der zunehmend unangenehm werdende Charakter Jack Regan, die voraussehbare Wende und das Ende mich nicht mit, sondern eher raus. Lust auf richtiges Bad-Ass-tum (ist das so richtig?) bekommen? Ich hab mich gleich an den letzten Eastwood-Film dieser Sparte, den ich gesehen habe, erinnert, in dem er einen Polizisten verkörpert: „Der Mann, der niemals aufgibt“ (1977). Hier gibt es auch viele Löcher, aber weniger inhaltlicher Natur.

Filmkritik: The Crime (2012)
3.5 (70%) 2 votes