Filmkritik zu „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“: Die neue Dokumentation von Wim Wenders

Christopher Hechler 20. Juni 2018 0
Filmkritik zu „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“: Die neue Dokumentation von Wim Wenders

Der 266. Pontifex, Papst Franziskus – benannt nach dem heiligen Franz von Assisi – ist der erste Papst, der diesen Namen annahm. Das ist nicht nur aufgrund der Tatsache an sich bemerkenswert, sondern mehr noch wegen den Grundgedanken, die dahinter stehen. Der im 12. Jahrhundert geborene Franz von Assisi lebte nach dem direkten Vorbild von Jesus Christus und übernahm auch dessen Tugenden der Nächstenliebe, des Verzichts aus Konsum und der Wertschätzung der Armen und Kranken. Papst Franziskus achtet diese Tugenden, predigt sie, lebt sie und offenbart sich mit seinem Leitsatz, er wolle „eine arme Kirche für die Armen“ als ein modernisiertes und konfliktoffenes Sprachrohr der Kirche. Er zog mit verschiedensten Aktionen, etwa dem waschen der Füße von Gefängnisinsassen, dem besuchen von ärmlichen Regionen oder seinen kritischen Aussagen zum Thema Umweltschutz schon oft ein großes mediales Echo nach sich und präsentiert sich als Mensch des globalen Volkes.

Regisseur Wim Wenders (mehrfach Oscar nominiert, unter anderem für „Pina“ und „Das Salz der Erde“) nimmt sich mit seinem Dokumentarfilm PAPST FRANZISKUS – EIN MANN SEINES WORTES dieser, vor allem für religionsferne Menschen, oft mystisch anmutenden und nur schwer greifbaren Person des Papstes an – mit der Prämisse, kein einfaches Biopic über ihn, sondern viel eher eine Reise mit ihm zu präsentieren.

Neben den selbst gefertigten Aufnahmen (Kamera von Lisa Rinzler), enthält die Dokumentation einiges an Material aus dem Archiv des Vatikaneigenen Fernsehsender Centro Televisivo Vaticano, zu dem das Produktionsteam Zugang bekam. Ein besonderes Augenmerk lag auf den insgesamt vier langen Interviews zwischen Regisseur Wenders und Papst Franziskus. Ausschnitte daraus sind immer wieder zwischen den verschiedenen Stationen des Films eingestreut und sollen dem Publikum das Gefühl vermitteln, auf direkter Augenhöhe mit dem Papst zu sein. Wenders nutzte dafür eine besondere Technik, die es Papst Franziskus ermöglichte, dem Regisseur über einen Spiegel direkt ins Gesicht zu schauen – ohne die dahinter verborgene Kamera zu sehen. So entstanden persönliche Bilder, die angereichert mit bedacht platzierten Detailaufnahmen eine intime Wirkung entfalten. Der Papst spricht zum Publikum, nicht zur Kamera, und teilt mit ihm seine Gedanken und Appelle auf einer glaubwürdigen Ebene.

Ist der Film also nur für gläubige, respektive Christen zu empfehlen? Mitnichten. Eine Dokumentation lediglich für die Zielgruppe zu schaffen, die dem Papst grundsätzlich schon nahe steht, dürfte zu keinem Zeitpunkt die Intention Wenders gewesen sein. Der Film offenbart nicht die eine Wahrheit oder den einen richtigen Weg, er zelebriert nicht das Christentum – ferner noch den Glauben an einen Gott – als richtig oder falsch. Viel eher zeigt er uns mit dem Papst eine reflektierte Persönlichkeit, die es nicht scheut auch oftmals als Tabuthemen verkannte Problematiken wie Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche anzusprechen. Am Ende sagt Papst Franziskus selbst, dass er nicht darüber richten kann, ob jemand glaubt oder an was er glaubt. Ihm stehen heute vernachlässigte Tugenden, die im gesellschaftlichen Wahn von Konsum und Kapitalismus stets weiter in der Versenkung verschwinden, an erster Stelle.

So geerdet die Gedanken und Aussagen auch sein mögen, im Kontrast dazu stehen die, vor allem für Menschen, die nichts mit dem Christentum gemein haben, mächtig wirkenden Bilder (musikalisch hervorragend unterlegt von Laurent Petitgand) von euphorisierten Menschenmassen. Mit ihrem ekstatischen Jubel erheben sie diesen Mann, der eben noch ganz direkt zum Kinosaal sprach, zurück zur Figur in mystischer Aura. Die vielen ruhigen Momente des Films wirken daneben nicht weniger beeindruckend, im Gegenteil: Wenn Menschen anfangen, vor Freude über die Hand des Papstes auf ihrer Stirn zu lachen und zu weinen, wenn nun Obdachlose, vom Schicksal gebeutelte Menschen, nach einer Umweltkatastrophe mit großen und hoffnungsvollen Augen gebannt den Worten des Papstes lauschen, dann kann man auch als objektiver Zuschauer erkennen, welche Bedeutung Religion und Glaube heute noch haben können.

PAPST FRANZISKUS – EIN MANN SEINES WORTES ist ein, Kultur- und Religionsunabhängig, für jeden interessierten sehenswerter Film geworden, der es schafft, ohne zur Christlichen Werbekampagne zu verkommen, die Figur des Papstes greifbar und persönlich zu präsentieren.

Beitragsbild: POPE FRANCIS – A MAN OF HIS WORD (c) 2018 CTV, Célestes, Solares, Neue Road Movies, Decia, PTS ART’s Factory

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