Gaza Surf Club: Kritik zur Surf-Duko im Gaza

Dorit Scharf 29. März 2017 0
Gaza Surf Club: Kritik zur Surf-Duko im Gaza

Surfen ist ein Sport der Freiheit. Die Weite des Meeres, salziger Geschmack im Mund, das gespannte Warten auf die perfekte Welle.

Gaza ist das Gebiet eines nicht endenden Konflikts. Abgeriegelt durch einen langen, von Soldaten kontrollierten Grenzzaun, Häuserruinen und immer wieder Nachrichten von Raketen, der Hamas oder Unruhen. Der israelisch-palästinensische Konflikt um diesen Streifen Land ist bereits lang und so verzwickt, dass die meisten von uns – seien wir ehrlich – schon fast aufgegeben haben ihn zu verstehen.

Eine andere Perspektive

Gaza Surf Club, ein Dokumentarfilm von Philip Gnadt und Mickey Yamine, knüpft anfangs kurz an dieses Vorwissen an. Eine Karte, ein kurzer Erklärungstext, der uns sagt: „Das ist der Gazastreifen, hier ist Krieg.“ Nicht wörtlich, aber so im Groben. Stimmen mit Nachrichten über Bombardierungen. Damit hat der Film aber auch seinen Erziehungsauftrag zum Gazakonflikt erfüllt.

Gaza Surf Club dokumentiert nicht den Gazakonflikt, sondern nimmt den Zuschauer mit in die Welt einer kleinen Surf-Community. Das Ziel von Gnadt und Yamine ist es ein anderes Gesicht von Gaza zu zeigen. Autor und Regisseur Philip Gnadt kommentiert den Film so:

„Unser Dokumentarfilm GAZA SURF CLUB will keine Tagespolitik abbilden oder bewerten, er möchte Menschen zeigen und ihren ganz einfachen, alltäglichen Geschichten Raum geben und damit sicherlich auf sekundärer Ebene einem alten politischen Konflikt ein neues, junges und ja – auch ein positives Gesicht verleihen.“

Träume und Lebenswelten

Gnadt und Yamine zeigen individuelle Geschichten und Gesichter, die versuchen sich rund um den Surfsprot ein Stückchen der „heilen Welt“ zu schaffen und zu erhalten. Am Strand und auf dem Meer gelingt das. Die vielen Häuserruinen, die ständigen Unruhen, sind dann zumindest für einen Moment im Hintergrund. Zurück an Land warten allerdings die Visa-Schwierigkeiten fürs Reisen und die „haram“s, die Tabus.

Keine der Protagonisten, Ibrahim, Abu Jayab oder Sabah, erzählt von Freunden oder Familienmitgliedern, die Opfer des Krieges wurden. Nur Ibrahim berichtet enttäuscht von einer jungen Frau, die seinen Antrag ablehnte, weil sie nicht im Gaza leben wollte. Ibrahim ist in seinen Zwanzigern, jung, visionär. Er will den Surfsport im Gaza etablieren in dem er einen Surfshop macht. Keine leichte Aufgabe, denn allein die Beschaffung von den entsprechenden Boards in den Gaza ist eine verzwickte Aufgabe. Dabei unterstützt ihn Matthew, einen Surfer in Hawaii. Von ihm will Ibrahim das nötige Handwerk lernen und bei Matthews Surferfreunden ein Praktikum machen. Der Weg dahin ist allerdings andere als einfach. Ibrahim muss sich mehrmals auf ein Visum bewerben bis es endlich klappt.

Im Gaza surft es sich (nicht ganz) wie auf Hawaii

Der Kontrast zu Gaza ist auch für den Zuschauer krass. Der sandfarbene Ton, die Frauen mit Schleier werden durch knalligen Farben der Bikinis am Strand mit Palmen abgelöst. Statt zerbrochenen, selbstgebauten Surfboards auf dem Dachboden gibt es Läden mit jeglicher Art von nagelneuen Markenboards. Die Surfmarken, verbunden mit Jugendkultur, ein bisschen Trotz und dem Gefühl von „Du kannst sein, wer immer du willst“ wirken auf Hawaii ganz normal, vor der Kulisse der Städte im Gaza ein wenig ironisch. Nur vom Zuschauen kann man Ibrahims Kulturschock bereits gut nachempfinden.

Für Abu Jayab, der älteste unter den Surfern, hat den Traum vom Reisen bereits aufgegeben. Er ist Fischer, unterrichtet Kinder im Surfen und ist eine Art Mentor für die jüngere Generation. Er hat die Hoffnung von einem Leben in Frieden und Freiheit so gut wie aufgegeben: „We have no hope. You know where to find it? Then show us.“ Die Kamera zeigt einen Graffitischriftzug „hope“ auf einer Ruinenmauer. Einer von vielen, kleinen Bildkommentaren in Gaza Surf Club.

Sabah, ein quirliges Teenager-Mädchen, hat die Hoffnung aber noch nicht aufgeben. Als Kind ein richtiger Profi im Schwimmen und Surfen war. Doch mit Beginn der Pubertät musste sie leider aufhören, denn für Frauen ist Schwimmen in der Öffentlichkeit verpönt. Sie lässt sich davon aber nicht einschüchtern und träumt davon als Surfprofi junge Mädchen zu inspirieren.

„People who can surf together can also live together“

Nachdem Gnadt und Yamines Film bereits auf den Filmfestivals in Toronto, Dubai und Ambsterdam gezeigt wurde, läuft der nun ab 30. März in den deutschen Kinos. Die Robert Bosch Stiftung hat dem Projekt bereits 2013 mit einem Filmförderpreis für internationale Zusammenarbeit von Filmemachern aus Deutschland und der arabischen Welt ausgezeichnet.

Fazit: Gaza Surf Club lohnt sich also nicht nur wegen der Surfaufnahmen, sondern vor allem wegen seiner einzigartigen Perspektive auf die Lebenswelt der jungen Generation im Gaza.

 

Titelbild: Niclas Reed Middleton für ©Little Bridge Pictures

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