„Grain – Weizen“: Kritik zu Semi Kaplanoglus Sci-Fi-Parabel

Lida Bach 14. April 2018 0
„Grain – Weizen“: Kritik zu Semi Kaplanoglus Sci-Fi-Parabel

Die Bedeutungsschwere religiöser, metaphysischer und gesellschaftspolitischer Subtexte erdrückt schier die epische Parabel, mit der Semi Kaplanoglu sieben Jahre nach dem Berlinale-Gewinner Bal zur Leinwand zurückkehrt. Vor dem kargen Hintergrund einer globalen agronomischen Krise entwirft der türkische Regisseur eine Sci-Fi-Parabel an der Schnittstelle von ökologischer Mahnung und Analogie eines spirituellen Erwachens. Letztes ist der wahre Zielpunkt der existenzialistischen Odyssee, die den Genealogen Erol Erin (Jean-Marc Barr) auf eine epische Wanderung durch ein symbolüberfrachtetes Ödland führt. Die an Dantes Höllenabstieg und Tarkowskis Stalker erinnernde Wüstenei ist tatsächlich der Überrest einer Welt, von der sich die per Iris-Scan Auserwählten in einer schwer bewachten Bastei abgeschottet haben.

Ein infernalischer Elektrozaun trennt die Stadtbewohner vom nimmer versiegenden Strom multiethnischer Migranten und macht sie zugleich zu Gefangenen ihres eigenen Monsanto-Metropolis. Zum relativen Wohlstand der unter der Gewaltkontrolle eines nebulösen Staatsorgans lebenden Besitz-Elite zählen auch die letzten Felder des titelgebenden Getreides. In seiner bedrückend realistischen Vision sieht Kaplanoglu die Zivilisation permanent bedroht von Hungersnöten. Deren Ursache sind genmanipulierte Pflanzen, die nach wenigen Erträgen unweigerlich Missernten bringen, die Böden auslaugen und die Menschen schleichend vergiften. Erol selbst leidet an einem wuchernden Abszess, doch er ist nicht nur krank, sondern Teil der Krankheit. Eine solche vernichtet die jüngste Generation der Gensaat, die Erol erhalten will.

Seine Suche nach Erkenntnis, zuerst über die Pflanzenkrankheit und bald über universelle Fragen nach wissenschaftlicher Ethik und humanistischer Verantwortung, führt ihn weit jenseits der drohnengesicherten Mauer, die zugleich die in den Köpfen ihrer Eingeschlossenen ist. Die Metaphern sind überdeutlich und verdichten sich beständig, während der archetypische Protagonist seine Nachtmeerfahrt Richtung geistiger und physischer Wiedergeburt fortsetzt. Gilles Nuttgens manövriert seine nüchterne Kamera von abweisenden Betonbauten über Bauruinen in ein verdorrtes Nirgendwo, wo Erol in seinem abtrünnigen Berufskollegen Cemil (Ermin Bravo) einen mystischen Führer findet. Bravouröse Panoramaaufnahmen kranken an schleppenden Dialogen voller philosophischer Plattitüden, ohne die der systemkritische Futurismus seine aktuelle Botschaft weit wahrhaftiger transportieren könnte.

Kinostart: 26.05.2018

Beitragsbild © Piffl Medien

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