„Grüße aus Fukushima“ – Kritik zum deutschen Post-Katastrophen-Drama

Christian Neffe 21. August 2016 0
„Grüße aus Fukushima“ – Kritik zum deutschen Post-Katastrophen-Drama

Verschwommene Bilder einer Braut, die vor ihrem sichtlich ungehaltenen Bräutigam verzweifelt zusammenbricht. Ein provisorischer Strick, der um einen Ast gebunden wird. Ein fehlgeschlagener Selbstmordversuch. Ein bedeutungsschwerer Monolog über Selbstfindung und Identität. Und all das in tristem Schwarz-Weiß. Der kryptische Einstieg von Grüße aus Fukushima erinnert an einen Lars von Trier-Film. In den darauffolgenden 100 Minuten ist jedoch noch kaum etwas davon zu merken. Stattdessen präsentiert uns Regisseurin und Drehbuchautorin Doris Dörrie eine deutlich konkretere Geschichte um zwei gänzlich unterschiedliche Frauen, die jedoch immer ihren mystischen Unterton bewahrt.

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„Grüße aus Fukushima“ Plakat – (c) Majestic

Es braucht selbst fünf Jahre nach der Katastrophe von Fukushima noch einen guten Grund, in das noch immer verstrahlte und gänzlich unlebenswerte Gebiet 150 km nördlich von Tokyo zu reisen. Marie (Rosalie Thomass) glaubt einen solchen zu haben: zusammen mit zwei Japanern will sie als Clown-Trio den dort Verbliebenen – allesamt alte Menschen, die in Notunterkünften hausen – eine Freude zu machen. Und zugleich, um einmal zu erleben, wie „wahres“ Leid aussieht. Quasi Elendstourismus. Natürlich muss das scheitern. Nur aus purer Höflichkeit machen die Japaner, die ihre gesamte Existenz verloren haben, bei Maries Versuchen, ihnen den korrekten Hüftschwung für einen Hula Hoop Reifen beizubringen, mit. Doch kurz bevor sie frustriert abreist, bittet eine Einheimische Marie darum, sie zu ihrem alten Haus mitten in der verseuchten Zone zu bringen. Satomi (Kaori Momoi), eine ehemalige Geisha, baut ihr verwüstetes Heim wieder auf. Und Marie hilft ihr fortan dabei.

Daraus entspinnt sich eine Geschichte, die auf dem klassischen Konflikt alt gegen neu, Tradition gegen Moderne sowie der Gegensätzlichkeit seiner Charaktere fußt. Und natürlich nähern sich beide nach und nach einander an, wobei dies vor allem Marie betrifft, deren gebrochenes Herz angesichts der verheerenden Leids, das der Flut in Japan folgte, allmählich heilt. Sie tritt als Fremdkörper ein in eine Subkultur, die inzwischen selbst zum Fremdkörper innerhalb der japanischen Kultur geworden ist, lernt deren Regeln und Gebahren und findet so zwar nicht zu selbst, aber wenigstens wieder Ordnung und Sinn in ihrem Leben.

Grüße aus Fukushima ist trotz seines beständig melancholischen Untertons ein positiver Film, der immer wieder Momente des einfachen Glücks und der Menschlichkeit einstreut. Ein aus den Trümmern ausgegrabenes Spielzeug sorgt für einen Abend voller Heiterkeit und wird zum Symbol menschlicher Beständigkeit, die Popmusik aus dem Autoradio dient als Vorlage für eine unbeholfene Tanzeinlage. Das macht die Figuren ebenso sympathisch wie nahbar. Die in simplem und gebrochenem Englisch geführten Dialoge, die immer wieder von Vergangenem und Verlorenem erzählen, tragen ihr übriges dazu bei. Es sind keine hochgestochenen Gespräche, die hier geführt werden – und dennoch sind sie auf ihre puristische Art wunderbar poetisch und ergreifend. Dem gegenüber stehen die horrorähnlichen Mystery-Elemente, die der Film in der zweiten Hälfte etabliert und die zunächst etwas befremdlich wirken mögen, sich letztlich aber sehr gut in Geschehen einfügen und im kulturellen Kontext natürlich auch vollkommen Sinn machen.

Vor allem jedoch lebt Grüße aus Fukushima vom Zusammenspiel seiner beiden Hauptakteure, von denen besonders Kaori Momoi als strenge und dennoch warmherzige Geisha und Mentorin vollstens überzeugen kann. Ihr deutscher Gegenpart macht ihre Sache ebenfalls gut, trotzdem fehlt ihr in jenen Szenen, in denen sich die Erzählung ganz auf sie fokussiert, der letzte Funke Überzeugungskraft. Die zwei Momente, in denen sie ihrem Frust freien Lauf lässt, wirken jedenfalls recht unpassend.

Fazit

Grüße aus Fukushima hat viele Merkmale eines prätentiösen Art House Films: Schwarz-Weiß-Bild, überwiegend fremdsprachige Dialoge, bedeutungsschwere Bilder und Symbole, ein melancholischer Grundton. Doris Dörrie gelingt es allerdings, daraus einen kleinen, liebenswerten und sehenswerten Film zu machen, der nicht sonderlich innovativ sein mag, jedoch eine unheimliche Kraft aus seinen Figuren und seiner mal mehr, mal weniger subtilen Poesie schöpft. Wer auch nur den winzigsten Faible für japanische Kultur hat (die hier im übrigen sehr ernst genommen wird), für den ist Grüße aus Fukushima ohnehin Pflicht. Doch auch alle anderen sollten unbedingt einen genaueren Blick auf diese filmische Kulturexpedition werfen.

Grüße aus Fukushima ist ab dem 8. September auf DVD und BluRay und bereits ab dem 1. September digital erhältlich.

Bild & Trailer: (c) Majestic Filmverleih

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