„Isle of Dogs – Ataris Reise“: Kritik des Berlinale-Eröffnungsfilms von Wes Anderson

Nadine Emmerich 18. Februar 2018 1
„Isle of Dogs – Ataris Reise“: Kritik des Berlinale-Eröffnungsfilms von Wes Anderson

Eine fiktive japanische Megacity in der nahen Zukunft: Bürgermeister Kobayashi erklärt Hunde wegen der angeblich grassierenden Hundegrippe und des gefährlichen Schnauzfiebers zum Sicherheitsrisiko für die Bewohner Megasakis. Alle Tiere werden auf die abgelegene Mülldeponie Trash Island verbannt, wo sie verdrecken, verwahrlosen, verhungern. US-Regisseur Wes Anderson hat mit „Isle of Dogs – Ataris Reise“, der als erster Animationsfilm die 68. Berlinale eröffnete, sein wohl politischstes Werk gedreht – auch wenn er bei der Pressekonferenz wiederholt betonte, er habe „nur eine Hundegeschichte“ erzählen wollen.

Im Laufe dieser klingen derweil fortlaufend politische Töne an. Stichworte sind Fake News, Populismus und Propaganda, diktatorische Regierungschefs, Wahlbetrug, Misshandlung von Schwächeren, illegale medizinische Experimente – und so weiter. Andersons zweiter Animationsfilm nach „Fantastic Mr. Fox“ kann auch als Fabel gesehen werden, etwa als Anspielung auf den Umgang mit Flüchtlingen vielerorts. Andeutungen gibt es im Überfluss, allerdings immer nur angerissen und nicht konsequenter auserzählt.

Auf all dies mag sich der Berlinale-Stammgast, der das Filmfest bereits 2014 mit „Grand Budapest Hotel“ eröffnete, ohnehin bloß nicht festlegen. Politische Filme sind auch gar nicht sein Metier. Er habe sich für seine Fantasiestadt eine Fantasiepolitik ausdenken müssen, gab er bei der Vorstellung von „Isle of Dogs“ zu Protokoll. Im Laufe der der Dreharbeiten habe es zwar reale Inspirationen gegeben. „Aber die Geschichte könnte überall und jederzeit spielen.“

Stop-Motion-Verfahren

In diesem Irgendwo-Irgendwann gibt es einen jungen Helden: Atari, zwölfjähriger Adoptivsohn des Bürgermeisters, dessen Leibwächterhund Spots ebenfalls nach Trash Island verfrachtet wurde. Das will Atari nicht akzeptieren, er fliegt auf die riesige Deponie, um seinen Hund zu retten. Fünf ebenfalls verbannte Hunde helfen ihm dabei, darunter der Streuner Chief, der Menschen eigentlich hasst, dann jedoch sein Herz für Atari entdeckt. Und schließlich, das Offensichtliche darf an dieser Stelle verraten werden, setzen sich die mutigen Outlaws gegen Intoleranz und Ungerechtigkeit und überhaupt das Böse durch.

Die Story klingt so schlicht, wie Anderson sie selbst beschreibt – und dabei darauf verweist, er habe sich auch von „Susi und Strolch!“ inspirieren lassen. Alles anderes als einfach war derweil die künstlerische Umsetzung der Story: Anderson drehte wieder im Stop-Motion-Verfahren, stellte jede Szene mit Puppen nach, holte sich etliche japanische Mitarbeiter ins Team. Das so auf wunderbare Weise leicht antiquiert wirkende Ergebnis ist amüsant und sicherlich geeignet für einen Berlinale-Eröffnungsfilm. Und auch ohne Schauspieler brachte Anderson mit seinem Synchronsprechertross – darunter Bill Murray, Greta Gerwig und Tilda Swinton – den nötigen Glamour auf den roten Teppich der Eröffnungsgala.

Kinostart ist der 10. Mai 2018.

Bild: Copyright Twentieth Century Fox

„Isle of Dogs – Ataris Reise“: Kritik des Berlinale-Eröffnungsfilms von Wes Anderson
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  • Urs Derendinger

    Da wird viel über den Inhalt gesprochen, doch das grossartige bei Wes Anderson ist eben die oppulente Bildsprache, die sich stark von der japanischen Kultur inspirieren lässt. Da ist man schon bei der Einführung beeindruckt von leicht veränderten (mit Hunden bestückten) Malereien der japanischen Kunst, auch die berühmte Welle des Hokusai kommt vor, und an zwei Stellen hört man für kurze Zeit die Filmmusik vom Kurosawas „Die sieben Samurai“. Die amerikanische Austauschstudentin, die den Widerstand anführt erinnert mit Ihrer Lockenpracht an eine weisse Angela Davis, einer berühmte schwarze Rebellin in den Siebzigerjahren. Wieso ausgerechnet eine Amerikanerin die Rettung ins korrupte Japan bringt, bringt mich ein bisschen in Verlegenheit.