Jeder stirbt für sich allein: Kritik zur Verfilmung von Falladas Widerstanddrama nach wahren Begebenheiten

Peer Kling 25. März 2016 0
Jeder stirbt für sich allein: Kritik zur Verfilmung von Falladas Widerstanddrama nach wahren Begebenheiten

Die Fallada-Verfilmung Jeder stirbt für sich allein spielt 1940 und zeigt Berlin im Siegesrausch gegenüber Frankreich. Nur das Ehepaar Quangel, brilliant dargestellt von Emma Thompson und dem irischen Schauspieler Brendan Gleeson, ist ernüchtert. Der Verlust Ihres Sohnes an der Front läßt sie eine ganz eigene, stille Form des Widerstandes entwickeln.  Der Spielfilm wurde als aufwändige europäische Koproduktion mit internationaler Star-Besetzung im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale vorgestellt. Regie führte Vincent Perez. Dieser Schweizer Autor, Schauspieler, Produzent und Regisseur mit einer deutschstämmigen Mutter und einem spanischen Vater ist uns vor allem als Darsteller bekannt. Wir haben ihn schon 1990 in dem Film Cyrano von Bergerac in der Rolle des Christian de Neuvillette gesehen. 1992 wirkte er als Schauspieler und Drehbuchbeteiligter bei Indochine mit Catherine Deneuve in der Hauptrolle mit. Insgesamt hat er über 50 Film- und Fernsehrollen verkörpert. Nun führte er selbst die internationalen Schauspieler, darunter Brendan Gleeson, Emma Thompson und Daniel Brühl durch ein Oevre, das großes, gut gespieltes und spannendes Kino verspricht.

Der 1993 mit einer Sonderbriefmarke geehrte Autor des zugrundeliegenden Romans, Hans Fallada wandte sich in objektiv-nüchternem Stil gesellschaftskritischen Themen zu. Kleiner Mann – was nun? und Wer einmal aus dem Blechnapf frißt sind Welterfolge. Fallada, der auf Anraten seines Verlegers Ernst Rowohlt in die Nähe von Berlin gezogen war, wurde 1933 von seinen Mietern bei der SA denunziert. Sie hatten ein Gespräch Falladas mit Ernst von Salomon belauscht, das angeblich staatsfeindlichen Inhalt hatte. Fallada wurde inhaftiert.

jeder stirbt für sich alleine - berlinale pressekonferenz 2016 Hauptdarsteller und Regisseur der Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ auf der BERLINALE-Pressekonferenz. Von links nach rechts: Brendan Gleeson und Emma Thompson als die Darsteller des Widerstands-Ehepaares, Regisseur Vincent Perez und Daniel Brühl (c) Peer Kling

Jeder stirbt für sich allein hätte ihm ganz sicher den Kopf gekostet, aber dieser Roman erschien erst 1947, seinem Todesjahr. Seine Alkohol- und Morphinsucht ließen ihn nicht älter werden als 54 Jahre. In diesem letzten Roman schildert Hans Fallada den authentischen Fall des Ehepaars Otto und Elise Hampel – so die wahren Namen. Sie legten Postkarten mit Parolen gegen das Hitler-Regime aus und wurden denunziert. Übersetzungen und Neuausgaben führten erst ab 2009 zum Riesenerfolg dieser Schicksalsbeschreibung. Gedreht wurde in Görlitz, Berlin und Köln. Besonderen Wert wurde auf die Ex- und Interieurs, auf die damalige Mode, den Arbeitsalltag, das Straßenbild und auf die Architektur der Institutionen des Unrechtsstaates gelegt.

Einer der heute präsentesten deutschen Schauspieler ist zweifelsfrei Daniel Brühl, der übrigens 1978 als Sohn einer spanischen Lehrerin in Barcelona geboren wurde. Wir müssen erst einmal die Bilder aus Die Frau in Gold, Colonia Dignidad und aus Ich und Kaminski aus dem Hirn scheuchen, um uns voll auf seine jetzige Rolle als Verkörperer der Staatsmacht konzentrieren zu können. Das interessante an seiner Rolle hier ist, dass ihn seine Aufgabe, dem Regime zu dienen, in starken Konflikt mit seinem Gewissen bringt. Die unabwendbare Ausweglosigkeit wird im englischen Verleihtitel, Alone in Berlin nicht so deutlich wie in der deutschsprachigen Original-Variante. Was ist wichtiger, zu überleben oder den Blick in den Spiegel ein letztes Mal ertragen zu können?

Kinostart ist der 8. September 2016.

Eine erste Szene aus „Jeder Stirbt Für Sich Alleine“ (auf Englisch):

Jeder stirbt für sich allein: Kritik zur Verfilmung von Falladas Widerstanddrama nach wahren Begebenheiten
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