„Kill Your Friends“: Kritik der Verfilmung des Erfolgsromans von John Niven

Nadine Emmerich 16. März 2016 0
„Kill Your Friends“: Kritik der Verfilmung des Erfolgsromans von John Niven

Steven Stelfox ist ein fieses Arschloch – das ist leider die einzig treffende Beschreibung. Er ist Artist & Repertoire (A&R)-Manager bei einem Majorlabel, von ihm hängt es ab, ob unbekannte Bands einen Plattenvertrag und damit den Schlüssel zum Durchbruch bekommen. Musik interessiert Steven (Nicholas Hoult) aber kaum, zu den haufenweise auf seinem Schreibtisch landenden Demos hat er keine Meinung. Er mag es, dass sein Job mit Partys, Nutten und Koks verbunden ist – so die gängige Klischeevorstellung, die sich sarkastisch durch die gesamte Verfilmung von John Nivens Roman „Kill Your Friends“ (2008) zieht.

Auch wenn ihm das für den Job eigentlich zwingend notwendige Hit-Ohr fehlt, giert Steven nach Macht, konkret dem Chefsessel seiner Abteilung. Dabei kennt er keine Freunde – und selbst dem, der das Buch nicht gelesen hat, suggeriert der Filmtitel bereits, dass er dafür über Leichen geht.  Meetings sind für ihn da, um Leute „zu demütigen und zu erniedrigen“ – so einer der zynischen Off-Kommentare des Protagonisten. Schon in einer der ersten Szenen sieht man, wie Steven nach einer durchzechten Nacht auf seinen am Boden liegenden Kumpel und Kollegen Waters (James Corden) uriniert.

Owen Harris‘ „Kill Your Friends“ spielt in der britischen Musikindustrie Ende der 90er, Bands wie Oasis und Blur bestimmen wesentlich, was Labelbosse von ihren auf einem heißen Stuhl sitzenden A&Rs verlangen. Steven hat nicht gerade das, was man einen Lauf nennen würde. Von der Musikmesse Midem in Cannes bringt er einen teuer eingekauften vermeintlichen deutschen Dance-Hit mit, bei dem Clubs und Radios in England indes angeekelt abwinken. In einer Nebenrolle ist bei den Saufgelagen an der Cote d’Azur als Musikbranchenproll Deluxe übrigens Moritz Bleibtreu mit Vokuhila zu sehen.

Der Weg nach oben ist blutig

Ein wesentlich größeres Hit-Ohr als der Endzwanziger Steven hat seine Sekretärin Rebecca (Georgia King), die ihn seit Monaten beschwört, sich an die vegane Indie-Band The Lazies ranzupirschen. „Normale Leute mögen keine Indie-Bands“, wehrt Steven jedoch ab. Und während Waters an ihm vorbei auf den Chefsessel zieht – nicht lange allerdings, wir erinnern an den Filmtitel –  vergeigt der ehrgeizige Steven auch das mit den Lazies. Die schnappt sich Parker Hall (Tom Riley), der A&R der Konkurrenz, in Form einer Affäre mit der Frontfrau – und zack hat Interims-Head-of-A&R Steven wieder einen neuen Vorgesetzten.  Als auch Rebecca Aufstiegsambitionen verfolgt und ein im Fall Waters ermittelnder Cop Ansprüche als Songschreiber geltend macht, brennen bei Steven erneut die Sicherungen durch.

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Hauptdarsteller Hoult („A Single Man“, „Mad Max: Fury Road“) verkörpert Steven so schön diabolisch, dass man ihm allein Kraft seines Blickes noch weitaus psychopathischere Handlungen zutrauen würde. Dennoch: Die Verfilmung bleibt hinter der literarischen Vorlage zurück, auch wenn sie zunächst vielversprechend beginnt, und das Drehbuch von Niven selbst stammt. Freunde gibt es dort gar nicht, Harris‘ Produktion ist ein lautes, zunehmend anstrengendes und zum Ende hin etwas einschläferndes Jeder-gegen-Jeden-Spiel.

Man mag auch denken, dass das exzessive Auf-Firmenkosten-die-Sau-rauslassen und Hunderttausende kostende Entscheidungen unter Alkohol und Drogen abzuschließen drastisch überzogene Satire sei – doch leider ist da dieser eine Authentizitätsfaktor: Autor Niven war selber zehn Jahre lang in der Musikindustrie tätig,. Und sagt, er habe eigene Erfahrungen verarbeitet. Okay, Niven schildert die 90er, als Labels noch nicht ahnten, dass sie Jahre später Kündigungen im Akkord verfassen würden. Trotzdem: Wer heute mal bei der Aftershow-Party einer Echo-Verleihung war, ahnt auch so einiges.

DVD-Veröffentlichung: 18.3.2016

Beitragsbild: (c) Universum Film GmbH / *Affiliatelink

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