Kritik zu „Als wir träumten“ – Leipzigs entwurzelte Wild boys

Tobias Ritterskamp 3. März 2015 0
Kritik zu „Als wir träumten“ – Leipzigs entwurzelte Wild boys

Mit Halt auf freier Strecke schuf Regisseur Andreas Dresen einen Film über das Sterben, ein leises Werk, wie schon zuvor mit Wolke 9, das sich mit dem Thema Liebe im Alter beschäftigt. Nun hat er sich an die Adaption des im Jahre 2006 erschienenen Romans Als wir träumten von Clemens Meyer gewagt. Ein vergleichsweise wilder Dresen-Film mit einem funky Sound von Moderat, denn mit diesem recht düsteren Werk begibt sich der Filmemacher in die Nachwendezeit, geprägt unter anderem von der Entwicklung des Techno, insbesondere in Deutschland.

Diese Genese macht sich die Jungsclique um Daniel (Merlin Rose), Rico (Julius Nitschkoff), Paul (Frederic Haselon), Mark (Joel Basman) und Pitbull (Marcel Heuperman) im Leipzig der Nachwendezeit zu eigen, indem sie eine abrissreife Bauruine in eine Underground-Diskothek verwandeln. Doch das kommt bei den „Glatzen“ und deren Anführer Schneeleopard (auch Vogelscheiße genannt), den sogenannten Neonazis, nicht gut an, denn das ist ihr Revier. Der Stecker wird gezogen, die Jungs sind sauer. Sie wollen es den Faschos heimzahlen, aber die Antifa wird nicht kommen. Doch damit beginnen die Probleme nicht. In Rückblenden zeigt sich bereits das künftige Unheil, das sie heraufbeschwören werden. Da zählen die Kids gerade einmal 13 Lenze. Rico verbrennt sein rotes Pionierhalstuch und entzieht sich dem Unterricht als Maßnahme politischer Indoktrination. Die fünf Freunde aber halten zusammen und es beginnt ein Leben, das davon gekennzeichnet ist, der Hoffnungslosigkeit des Alltags zu entkommen. Sie knacken Autos, machen Party, randalieren und zischen ein Dosenbier nach dem anderen. Besuche auf der Polizeistation sind keine Seltenheit.

Die Jungs erleben die DDR in ihren letzten Atemzügen, ein System dass in Dresens Film instabiler und weniger beklemmend daherkommt als dies bei Christian Petzolds Barbara und Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen der Fall ist, wo die Furcht vor dem politischen System aus allen Ritzen emporsteigt. Mit dem Mauerfall, der von der Clique nicht bewusst erlebt wird, beginnt ein Prozess der Entwurzelung, der sich zum Teil bereits frühzeitig angekündigt hat. Was folgt, sind Jahre des Rauschs, die als „Gewitter im Kopf“ erlebt werden.

Die französische Politikerin Simone Veil, Jüdin und Auschwitz-Überlebende, sagte einst: „Die Entwurzelung ist bei weitem die gefährlichste Krankheit der menschlichen Gesellschaft.“  Dieser Spruch bringt auf den Punkt, worum es im Film geht. Er fragt nach den Konsequenzen von Entwurzelung, sprich des Nichtmehrwissens, wo man hingehört. Für die Jugendlichen im Film ist die Folge ein Leben im Rausch. Das Bier, das sie in sich hineinschütten, soll nicht schmecken. In Wahrheit fungiert es als Verdrängungsmechanismus der eigenen Ohnmacht. Doch sie verdrängen nicht nur, sondern sie zerstören sich damit auch Stück für Stück selbst, was Regisseur Andreas Dresen in eindrucksvollen dicht an dicht gereihten explosiven Bildern zeigt.

Wie sie sich sinnlos besaufen, mit den „Glatzen“ prügeln, mit Autos durch die Straßen jagen, nur um sie anschließend zu demolieren, und im Ohr der bassige Klang von Moderats „A new error“ – das alles kauft man den Protagonisten ab. Und warum? Weil sie ihre Sache gut machen? Auch das. Bei der Wahl der Hauptdarsteller hat Dresen, und dies ist auch sehr entscheidend für die Glaubwürdigkeit eines Films, auf unverbrauchte Gesichter gesetzt, was es dem Zuschauer erlaubt, sich in die Charaktere einzufühlen, ohne die Schauspieler ständig mit anderen Rollen in Assoziation zu bringen.

Wenngleich der Film am Ende etwas dick aufträgt, so zeichnet er doch recht glaubwürdig das Porträt einer entwurzelten Gruppe Jugendlicher im Leipzig der Nachwendezeit, die ziel- und orientierungslos durch das Leben geht. Doch für Momente der Freundschaft, der Sehnsucht und Zärtlichkeit ist Platz. Der Schmerz aber ist ständiger Begleiter. Danis große Liebe „Sternchen“ (Ruby O. Fee) verlässt Leipzig und schlägt sich als Pole-Dancerin durch, während Ricos Boxerambitionen durch eine Niederlage besiegelt werden. Geträumt wird am Ende nicht mehr im Kollektiv. Die Wege werden sich trennen und jeder hat die Möglichkeit das Geschehene kritisch zu reflektieren und über die Zukunft nachzudenken. Irgendwann vielleicht werden sich die Verlierer vergangener Tage wieder treffen. All diese Momente, die sie zusammen erlebt haben, werden sich über diese eine Frage entspinnen: Wisst ihr noch, als wir träumten?

Als wir träumten läuft seit dem 26. Februar in den deutschen Kinos.

Beitragsbild: (c) PANDORA FILM Verleih

Kritik zu „Als wir träumten“ – Leipzigs entwurzelte Wild boys
3.83 (76.67%) 12 votes