Kritik zu „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ – Kinostart 1. Januar 2015

Nadine Emmerich 30. Dezember 2014 0
Kritik zu „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ – Kinostart 1. Januar 2015

Es steht nicht gut um die Menschheit. Emotionen oder funktionierende Kommunikation: Fehlanzeige. Dieses düstere Bild zeichnet der schwedische Regisseur und Drehbuchautor Roy Andersson in seinem jüngsten Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“, der bei den Filmfestspielen von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Die tiefschwarze Komödie über die Absurdität der Existenz ist nach „Songs From The Second Floor“ (2000) und „Das jüngste Gewitter“ (2007) der letzte Teil von Anderssons Trilogie über das menschliche Dasein.

Gleich in den ersten Szenen, überschrieben mit „Drei Begegnungen mit dem Tod“, legt Andersson die Tristesse der kommenden 100 Minuten fest. Während eine Frau in der Küche das Essen zubereitet, erleidet ihr Mann im Wohnzimmer beim Öffnen einer Weinflasche einen Herzinfarkt. Im Schnellrestaurant einer Fähre bricht ein anderer Mann tot an der Kasse zusammen, nachdem er gerade noch sein Garnelensandwich und sein Bier bezahlt hat. Beides wird nun den anderen Gästen angeboten, bezahlt ist bezahlt. Für das Bier findet sich schnell ein Interessent. Eine alte Frau stirbt derweil im Krankenbett, während ihre Kinder ihr verzweifelt ihre Handtasche mit Geld und Wertsachen entreißen wollen.

Durch diese traurige Welt pilgern die beiden Mitleid erregenden Handlungsreisenden Sam (Nils Westblom) und Jonathan (Holger Andersson), Verkäufer von Scherzartikeln. In ihrem Sortiment: Vampirzähne, ein Lachsack und eine Monstermaske, von der sie sich „viel versprechen“. Monoton und gleichgültig spulen die beiden an Dick und Doof oder auch Don Quixote und Sancho Panza erinnernden, ständig streitenden Kameraden ihre immer gleichen Verkaufssätze ab. Erfolglos, wen wundert’s. Im abstrusen Gegensatz zu ihrem Auftreten steht ihr gebetsmühlenartig wiederholter Satz: „Wir wollen den Menschen helfen, Spaß zu haben.“

In dieser sinnentleerten, belanglosen Grauton-Welt gibt es auch handlungstechnisch wenig Zusammenhang. Statt eine geschlossene Geschichte zu erzählen, reiht der ehemalige Werbefilmer Andersson 39 oftmals starre Szenen aneinander – darunter immer wieder Bilder von Menschen, die so trostlos wie die beiden Scherzartikelverkäufer wirken und am Telefon ausdruckslos den Satz „Es freut mich zu hören, dass es dir gut geht“ herunterleiern. „Meine Filme zeigen, dass die Menschheit sich potentiell in Richtung Apokalypse bewegt, aber auch, dass wir unseren Weg selbst in der Hand haben“, sagt der 71-jährige Regisseur.

Die Komik blitzt unter der Verzweiflung und Schwermut nur selten hervor: „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ ist ein eher ernster, aber sehr kunstvoller und empfehlenswerter Trip durchs menschliche Kuriositätenkabinett – und zugleich ein Ritt durch die Epochen, in dem auch der schwedische König Karl XII. und britische Kolonialsoldaten auftauchen. Inszeniert ist die Tragikomödie, für die Andersson erstmals digital drehte, schön wie ein Gemälde. Für den Film hätten ihn die deutschen Maler Otto Dix (1891-1969) und Georg Scholz (1890-1945) inspiriert, sagt Andersson. Bei den visuellen Details machte er keine Kompromisse: An „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ arbeitete er nach eigener Aussage „vier Jahre lang in Vollzeit“.

Kritik zu „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ – Kinostart 1. Januar 2015
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