Kritik zu Francois Ozons Drama „Eine neue Freundin“: Frauenfreundschaft mit Fragezeichen

Nadine Emmerich 12. März 2015 0
Kritik zu Francois Ozons Drama „Eine neue Freundin“: Frauenfreundschaft mit Fragezeichen

Seit der Grundschule sind Claire und Laura beste Freundinnen und Blutsschwestern. Doch dann wird Laura todkrank und stirbt wenige Monate nach der Geburt ihrer kleinen Tochter Lucie. Die trauernde Claire hat eine große Aufgabe vor sich: Sie hat versprochen, sich um das Baby sowie Lauras Ehemann David zu kümmern. Das wird zum überraschenden Spiel mit sexuellen Rollen und Identitäten und der Inszenierung von Weiblichkeit – und ist damit wohl eine typische Francois-Ozon-Charakterstudie. Nach „Jung & Schön“ (2013), in dem eine Schülerin aus gutem Hause ihre bürgerlichen Eltern damit schockierte, ihren Körper an alte Männer zu verkaufen, fesselt Ozon nun mit einer ungewöhnlichen und großartigen Liebesgeschichte mit vielen Fragezeichen.

Ziemlich früh fährt der französische Filmemacher gleich eine der stärksten Szenen des Films auf. Die muss an dieser Stelle leider schon verraten werden: Als Claire (Anais Demoustier) überraschend im Haus von David (Romain Duris, „L’Auberge Espagnole“) auftaucht – die Tür war offen – scheint auf dem Sofa eine Frau mit langen blonden Haaren zu sitzen. Doch es ist David – im Kleid, mit blonder Perücke und geschminkt. Für Claire ist es ein Schock, den Mann ihrer verstorbenen Freundin so zu sehen. Laura (Isild Le Besco) habe gewusst, dass er früher gern Frauenkleider getragen habe, erklärt David. Seit der Beziehung zu ihr sei diese Vorliebe verschwunden gewesen. Doch mit Lauras Tod kam der Wunsch, eine Frau zu sein, zurück.

Erst ist Claire entsetzt, fast abgestoßen, doch schnell kommt sie „Virginia“ – wie sie David in Frauenkleidern nennt – näher und freundet sich mit ihr an. David wünscht sich, das erste Mal in seinem Leben als Frau shoppen zu gehen. Nach anfänglichem Zögern zieht Claire mit ihm durch die Läden – Kleider, Unterwäsche, Schmuck, Mädchenkram halt. Fast ist es wie in alten Zeiten mit ihrer Freundin Laura, die Claire so schmerzlich vermisst.

Claires und Davids beziehungsweise Virginias Verhältnis bleibt lange vage. Beide tun sich offenkundig gut, doch was bedeutet wer für den anderen konkret? Während der unbekümmerte David sich rasch recht eindeutig in die verständnisvolle Claire verliebt, fesselt Ozon den Zuschauer damit, Claires Gefühle länger verdeckt zu halten. Wünscht sie sich nach Lauras Tod eine neue beste Freundin? Oder fühlt sie sich zu David auch sexuell hingezogen? Zu David oder etwa zu Virginia? Und ihre eigene Ehe mit Gilles (Raphael Personnaz) scheint doch intakt zu sein?

Mit Frankreichs neuem Schauspielstar Anais Demoustier hat Ozon, mutmaßlicher Seelenverwandter des spanischen Regisseurs Pedro Almodovar, die Rolle der Claire großartig besetzt. Ihre Zerrissenheit, sich von David/Virginia zu distanzieren und sich dann doch wieder zu ihm/ihr hingezogen fühlen, spielt sich vor allem in Demoustiers Gesicht ab. Sie hat im Film nicht viel zu sagen, aber unheimlich viel zu spielen. Dass Ozon Spezialist für Frauenfiguren ist, bewies er in der Vergangenheit nicht nur mit der schrägen Krimikomödie „8 Frauen“. In „Swimming Pool“ rückte er Ludivine Sagnier grandios ins Rampenlicht.

Frauenfreundschaft hin oder her, die Beziehung zwischen Claire und Virginia alias David bekommt schnell den Hauch des Verbotenen. Entsprechend hat Claire ein schlechtes Gewissen ihrem ahnungslosen Gatten gegenüber. Als sie hinter seinem Rücken ein Wochenende mit David/Virginia in Lauras Elternhaus verbringt, wird das Ganze endgültig zur Affäre. Wie so oft konzentriert sich Ozon auf nur ganz wenige Personen. Die Stärke des Films, der lose auf der Kurzgeschichte „The New Girlfriend“ von Ruth Rendell basiert, ist es, dicht an seine Protagonisten ran zu gehen, doch längst nicht alles zu offenbaren. Und was bis zum Schluss bleibt, ist die Frage: Lieben wir eine Frau, einen Mann – oder einen Menschen?

Kinostart: 26. März 2015

Beitragsbild:  (c) Weltkino

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