Kritik zu „Regression“ – lauwarme Suppe

Tobias Ritterskamp 29. September 2015 2
Kritik zu „Regression“ – lauwarme Suppe

Gebannt sitzen die Zuschauer im Kinositz, folgen aufmerksam dem Geschehen auf der Leinwand und hier und da ergänzen die „oralen Lüste […] die audiovisuellen“. Die Subtilität steigert sich ins Unermessliche. Am Anfang steht die Neugier, doch am Ende dominiert nur noch der paranoide Wahn. Das Böse scheint omnipräsent. Die kitzelnde Spannung erschöpft sich nach und nach in unerträgliche uns den Verstand raubende Schläge, bis auch wir ganz bei Angela Gray (Emma Watson) sind: „Ich will, dass es aufhört.“ Tatsächlich?

Mit seinem neuesten Werk Regression beweist Regisseur Alejandro Amenábar nach The Others (2001) erneut sein Gespür für die Inszenierung subtilen Horrors. Herausgekommen ist ein Film über Angst, ja eine, etwas zugespitzt formuliert, Studie zur „Fragilität des menschlichen Verstandes“, so Amenábar, die zeigt, wie schwierig es uns Furcht machen kann, klar zu denken und zu verstehen.

In Regression ermittelt Ethan Hawke als Detective Bruce Kenner in einem düsteren Minnesota der 90er Jahre im Fall der traumatisierten 17 jährigen Angela Gray, die ihren Vater John (David Dencik) der Vergewaltigung bezichtigt. Während die junge Frau Halt in der Kirche sucht, gibt John vor sich angeblich an nichts erinnern zu können. Daraufhin wird der anerkannte Psychologieprofessor Kenneth Raines (David Thewlis) zu den Ermittlungen hinzugezogen, der mithilfe der Regressionstherapie Johns verschüttgegangene Erinnerungen wieder hervorholen soll. Es scheint, als sei Angela nicht nur Opfer ihres Vaters, sondern auch einer satanischen Sekte geworden. Kenner wird mit der Zeit von Alpträumen heimgesucht und die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit beginnen sich aufzulösen.

Inspiriert wurde die Handlung des Films von einer Satanismuspanik in den USA der 1980er Jahre, an deren Verbreitung die Medien einen gewissen Einfluss hatten, haben sie doch über angebliche Ritualmorde und Teufelsanbetungen berichtet. Alejandro Amenábar schafft es, die realen Ereignisse in seinem Film dramaturgisch so zu verdichten, dass ihm ein recht spannender psychologischer Thriller gelingt, der die Empfänglichkeit unseres Verstandes für Ängste reflektiert. Trotz der subtilen Inszenierung, die unter anderem von William Friedkins Der Exorzist oder Roman Polanskis Rosemaries Baby beeinflusst wurde, kann Amenábars Werk an diese Klassiker sowie sein Hollywooddebüt The Others nicht andocken. Obgleich der guten Leistung von Ethan Hawke, der das Abdriften in die Parallelwelt, ja den Grenzgang zwischen Wahn und Wirklichkeit zu vermitteln weiß, erleidet der Film einen verfrühten Spannungsbruch, der das Ende bereits erahnen lässt. In Friedrich Nietzsches Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 146 heißt es: „wenn du zu lange in einen Abgrund schaust, blickt der Abgrund auch in dich hinein“. War Bruce Kenner lange genug mit seinem eigenen Abgrund konfrontiert? Die Konfrontation gab es jedenfalls. Wenn Hawke dann plötzlich vor einem Werbeplakat für Suppenwerbung steht, nur um den Fall kurz darauf zu lösen, dann wirkt der Blick in den Abgrund angesichts der ernüchternden Erklärung etwas lächerlich. Kurzweilige Spannung garantiert der Film jedoch oder anders gesagt: Die Suppe ist lauwarm.

Regression läuft am 01. Oktober in den deutschen Kinos an.

Beitragsbild: (c) Tobis

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