Kritik zu Der Schatz: Neues aus der Rumänischen Welle

Simon Fluck 15. Oktober 2016 0
Kritik zu Der Schatz: Neues aus der Rumänischen Welle

Viel zu oft scheint uns das Leben durch Dinge erschwert, die wir nicht kontrollieren können; viel zu selten werden wir vom Glück gepackt. Wenn dann wie aus dem Nichts tiefvergrabene Träume zum Vorschein kommen, dann sind es wie immer im Falle der Neuen Rumänischen Welle Geschichten, die scheinbar dem realen Leben und nicht der Phantasie entspringen. So auch bei Corneliu Porumboius Der Schatz:

Costi (Toma Cuzin) wird von seinem Nachbar Adrian (Adrian Purcarescu) um Geld gebeten, kann ihm aber aufgrund seiner eigenen finanziell knappen Lage nicht helfen. Erst als Adrian ihm vom Schatz seines Großvaters und den Zweck des Geldes – nämlich der Leihe eines Metalldetektors – erzählt, lenkt Costi ein. Er verschiebt die Bezahlung seiner Rechnungen auf den nächsten Monat, hebt das restliche Geld vom Konto ab und bittet seine Frau, ihren Vater nach dem Rest zu fragen. Am Wochenende begeben sich beide so auf die Suche nach dem Schatz.

Auch wenn der Plot geradezu märchenhaft wirkt, sind es die Figuren, ihre Dialoge und Handlungen, die aus der Realität gegriffen sind. Ihnen selbst und auch dem Zuschauer scheint ein real existierender Schatz der auch noch von Wert ist, wohl eher unwahrscheinlich. Dennoch brechen die Figuren, wenn auch nur für einen kurzen Moment, aus ihrer Routine heraus und wagen, das Glück herauszufordern. Dabei kommt es speziell bei der Suche nach dem Schatz zu absurd wirkenden Unterhaltungen und pointiertem Humor, der nach und nach in Aggressionen innerhalb Figurenkonstellation umschlägt – alles aber wohl der Sache der Dinge geschuldet. Der Zuschauer selbst wünscht sich nach all dem Piepen und Quietschen des Metalldetektors, des ständigen Auf- und Abgehens der Figuren und den aberwitzigen Geschichten um das Grundstück des Großvaters, selbst den Spaten in die Hand zu nehmen und den Garten von oben bis unten umzugraben.

Dass sie nach all der Mühe tatsächlich etwas finden, was zwar nicht der erhoffte Schatz des Großvaters, aber dennoch von Wert ist, verleiht dem Film eine ganz eigene Lehre. Gab es den Schatz des Großvaters überhaupt und wem gehörte dann die gefundene Metallkiste? Dinge, die nicht weiter besprochen werden, die in einem Märchen, wie es uns das Leben manchmal schreibt, nicht wichtig sind. Wichtig sind vor allem die Taten, die darauf folgen und auch wenn die Geschenke, die Costi den Freunden seines Sohnes macht, in deren Augen zunächst als Illusion eines echten Schatzes fungieren, wird sich die Großzügigkeit des Vaters, der bewusst in Anspielung auf Robin Hood agiert, noch herausstellen. Die letzte Sequenz allerdings, in der sich die Kinder um die Geschenke streiten, hinterfragt diese „gerechte“ Gönnerhaftigkeit, kommt hingegen im Hinblick auf den Rest des Filmes nicht zu einer eindeutigen Antwort. Vielmehr steht eine grundsätzliche Kritik – hier teilweise durch Adrian oder den Angestellten der Metalldetektoren-Firma verkörpert – am kapitalorientierten Verhalten der Gesellschaft im Raum, der nur Costi entgegenzuwirken gewollt ist.

Der Schatz ist, wie so viele Filme des heutigen rumänischen Kinos ein aufrichtiger Film, der soziale Ungleichheiten spielerisch und mirakulös aufzuheben scheint, der uns ein Bild von einem Land vermittelt, in dem niemand an das Glück glaubt. Neben all den Problemen vermittelt er Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die, wenn wir nur tief genug graben, direkt vor unserer Haustür liegt.

Der Film läuft ab dem 6. Oktober 2016 in den deutschen Kinos.


OT: Comoara

Regie: Corneliu Porumboiu

Länge: 89 Minuten

Genre: Drama/Comedy

Beitragsbild: © GRANDFILM

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