Kurt Cobain – Tod einer Ikone (2015): Kritik zum Doku-Drama

Martin 10. Juni 2015 2
Kurt Cobain – Tod einer Ikone (2015): Kritik zum Doku-Drama

Benjamin Statlers Film Tod einer Ikone (im Original Soaked in Bleach) zeichnet die letzten Tage von Kurt Cobain im Jahr 1994 nach. Jenem Kurt Cobain, der mit seiner Band Nirvana als Speerspitze des Grunge eine ähnliche Bedeutung einnahm wie Punk-Rock 20 Jahre zuvor. The Clash sangen in ihrem Song „London Calling“ noch „Phoney Beatlemania has bitten the dust“. Die öffentliche Figur Kurt Cobain, das Liedgut, seine Texte waren aber für die sogenannte „Generation X“ ein ähnliches bedeutungsschwangeres Symbol, wie es die Beatles und vor allem John Lennon in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern waren und bis heute bleiben. Die Tode dieser in hohem Maße über ihr Musik hinausgehenden prägenden Erscheinungen hinterließen tiefe Spuren in der Geschichte. Während John Lennon ermordert wurde, fand man Kurt Cobain in seinem Haus in Seattle – erschossen und mit der Tatwaffe in seiner Hand. Es war Selbstmord. Diese Tatsache wird durch gewichtige Argumente, die das vorliegende Doku-Drama, das beizeiten Elemente eines Thrillers in sich trägt, zu einer (zweifelhaften) Theorie.

Der Film erinnert nur punktuell an die popkulturelle Bedeutung Cobains, wohlwissend dass bereits eine Schwemme an audiovisuellen Aufbereitungen unterschiedlichster Art zu ihm existieren. Wenn zum ersten Mal in einer nachgestellten Szene Original-Tonbandaufnahmen erklingen, beansprucht Tod einer Ikone offensiv seinen Neuheitswert. Denn Ermittler Tom Grant schnitt eine Unmenge an Telefongesprächen und Beobachtungen mit. Er wurde seinerzeit von Courtney Love, der damaligen Ehefrau Cobains engagiert, um das Verschwinden des Musikers aufzuklären. In einem nach Sinnabschnitten geordneten Arrangement aus Interviews, Fernsehbeiträgen, mitgeschnittenen Audioschnipseln und durch Schauspieler dargestellte Szenen wird die Selbstmorderklärung abgeschmettert und eine Mord-Theorie ersonnen. Das geschieht fast ausnahmslos aus der Perspektive und vor allem der moralischen Sichtweise Tom Grants.

Der Film macht keinen Hehl aus seiner äußerst subjektiven Agenda – immerhin lautet sein dafür legitimierender Auftrag, eine weitreichende Verschwörung aufzudecken. Die Theorie, die beworben wird, ist juristisch nicht bestätigt. Der Täter hinter der Verschwörung „Mord“ wird daher nicht direkt benannt und darf es wahrscheinlich auch nicht. Courtney Love wird aber als Verdächtige mit Motiv, pathologische Lügnerin und Soziopathin dargestellt, Ermittler Tom Grant hingegen als legitimer Beweislieferant. Die Schauspieler unterstreichen das durch ihre Performances, ebenso wie die für sie geschriebenen Dialoge. Die „Anklage“ fußt dabei maßgeblich auf Tom Grants Glaubwürdigkeit. Seine vorgelegten Tonaufnahmen sind als authentisch anzuerkennen. Seine einzigartige Glaubwürdigkeit und seine weiße Weste müssen von einem Enthüllungsjournalist erst ausdrücklich bestätigt werden. Mit dieser früh etablierten moralischen Konstellation wird die Verschwörungstheorie stringent und bis zum Ende durch erzählt.

Die offenbar fehlende Kompetenz und Untätigkeit der Polizei kann dabei nicht immer vollständig sinnhaft in die Verschwörungstheorie integriert werden, die ansonsten logisch, einem roten Faden gleich, präsentiert wird. Zudem ist anzumerken, dass die Bekannten Cobains, die hier zu Wort kommen, wohl nicht mit dem Musiker während seiner Erfolgszeit in Kontakt standen. Expertenmeinungen von Gerichtsmedizinern, langjährigen Mordermittlern, die sich äußern und für eine nochmalige Bewertung des Falls plädieren, haftet der Geruch von Ferndiagnosen an. Zudem bleibt die Krux an Verschwörungstheorien, dass es nur Theorien sind. Weder der Zuschauer noch die Beteiligten unterliegen einer Katharsis. Das ist der reale aber auch inszenatorische Unterschied zu Verschwörungstheorien, die sich zu Tatsachen wandeln sowie Irrtümern, die sich bestätigen (als Musterbeispiel hierfür ist die Dokumentation West of Memphis (2012) zu nennen). Daher beschleicht den Zuschauer irgendwann ein mulmiges Gefühl der Ambivalenz, ja sogar das Gefühl, durch Konstruktion und Darstellungen vielleicht manipuliert zu werden.

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Es ist dennoch anzukennen, dass die Indizien ein fragwürdiges Licht auf die bisherige Sachlage werfen. Der Tatort wirft zahlreiche Zweifel auf. Und das Königsargument: Die toxikologische Untersuchung weist einen derart hohen Anteil von Heroin im Blut des Opfers auf, dass ein Bewussteinszustand aus medizinischer Sicht kaum aufrechtzuerhalten ist – und damit ist Selbsttötung keine Option. Der schnelle Abschluss der Ermittlungen und der Etikettierung des Falls als „Selbstmord“ durch die Polizei wird durch eine vorherige, medial bewusst beworbene Selbstmordgefährdung Cobains erklärt. Der zu dieser Zeit verantwortliche Polizeichef Seattles, mittlerweile berentet, wird auch für den Film interviewt. Er stellt fest, kann (oder will?) aber nicht erklären. Er verkörpert damit gewissermaßen das Wesen der Verschwörungstheorie.

Sieht man von Inhalten, jedweden Zweifeln ab, ist auch die Frage zu stellen, ob Soaked In Bleach ethisch zu rechtfertigen ist. Darf über einen Tod derart ausstaffiert und für jedermann zugänglich spekuliert werden? Die Tochter Kurt Cobains, andere Angehörige, wie fühlen sie sich dabei, wenn solche Darstellungen verbreitet werden? Der Film beantwortet die Frage nach seiner ethischen Rechtfertigung vor allem damit, dass es bis zum heutigen Tag 68 Nachahmertaten gegeben habe, die auf jenes Ereignis am 05. April 1994 zurückzuführen seien. Die Schlussfolgerung, die der Film in den Raum stellt: Die Aufdeckung eines Mordes hätte unzählige Menschenleben retten können oder kann das in Zukunft tun. Oder anders: Auch wenn die Aufdeckung der vermeintlichen Wahrheit schmerzhaft ist, ist sie nicht so grausam wie die vermeintliche Unwahrheit.

Fazit

Die Aufforderung an den Zuschauer am Anfang des Films, „Entscheiden Sie selbst“, ist in mehrfacher Hinsicht schwierig. Zum einen kann man ohne Kenntnis aller Fakten nicht objektiv entscheiden. Tod einer Ikone verdeckt sein Motiv nicht, wohl aber zweifelsohne Fakten, die seiner Intention entgegenstehen. Er gelangt aus einer subjektiven Sichtweise zu seinem Schluss. Vielleicht vermutet er aber auch, dass sich vor allem Fans von Kurt Cobain diesen Film anschauen werden und bereits die bisherige (zumindestens öffentlich zugängliche oder gar spekulative) Faktenlage kennen? In diesem Fall mag das Doku-Drama ein weiteres Beispiel der ungebrochenen posthumen Kommerzialisierung einer Musiker-Legende sein. Besonders die hier vorgenommene Ausgestaltung kann dabei ethische Zweifel aufkommen lassen. Ist der Film deshalb schlecht? Diese Entscheidung ist nicht leicht zu fällen, denn handwerklich ist er gut gemacht und folgt einem klaren Aufbau, der bis zum Ende immer mehr Spannung erzeugt. Der Film wirkt dennoch wie ein Kapitel einer Geschichte mit offenem Ende. Die einzige Gewissheit, die bleibt, ist der tragische Abschluss eines einflussreichen Lebens.

Die DVD/Blu-ray ist seit dem 09. Juni erhältlich. Der Trailer zum Film:

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Kurt Cobain – Tod einer Ikone (2015): Kritik zum Doku-Drama
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  • Sasa GrungePower

    Hey Martin,
    es war Heroin und nicht Kokain!!!
    Und wenn man die Fakten nicht kennt, sollte man es besser lassen.

    Grüße

    GrungePower

    • Martin

      Danke für den Hinweis, ist geändert…