Leviathan (2014): Kritik zum oscarnominierten Filmdrama

Ralf 1. März 2015 1
Leviathan (2014): Kritik zum oscarnominierten Filmdrama

Was kann ein einzelner Mann gegen einen übermächtigen Gegner ausrichten und wie entschlossen ist er, wenn er alles Wichtige innerhalb seines Lebens verlieren wird? Dies sind die beiden Kernfragen des Filmes Leviathan (2014) des russischen Regisseurs Andrei Swjaginzew. Der Film lässt sich als eine moderne Adaption der biblischen Geschichte des Hiob betrachten. In dieser schließen Satan und Gott eine Wette, in deren Verlauf der Glaube und die Standhaftigkeit des Hiob durch grausame Plagen des Teufels auf die Probe gestellt werden.

Der Film erhielt im Vorfeld bereits eine große Betrachtung und Aufmerksamkeit, auch wegen der aktuellen Relevanz aufgrund der politischen Lage in Russland. So war Leviathan unter anderem bei der Oscarverleihung 2015 ein Kandidat für die Auszeichnung zum „Besten fremdsprachigen Film„, musste sich am Ende jedoch dem polnischen Film Ida geschlagen geben. Gleichzeitig ertönte aus Russland allerdings auch Kritik, dass der Film insgesamt Russland in einem zu schlechten Licht dastehen lasse und sogar russenfeindlich sei. Doch nun gibt es auch bald in Deutschland die Chance, sich darüber selbst einen Eindruck zu verschaffen, denn ab dem 12.03.2015 wird Leviathan auch in deutschen Kinos zu sehen sein. Was genau euch erwartet, erfahrt ihr in unserer Kritik.

David gegen Goliath auf russisch

Kolia (Alexey Serebryakov) lebt mit seinem Sohn Roma (Sergey Pokhodaev) und seiner Frau Lilya (Elena Lyadova) in einem abgelegenen Haus an der Küste der Barentssee. Trotz der idyllischen Lage ist die Situation durchaus nicht problemlos. Der Teenager Roma zeigt gegenüber seiner Stiefmutter Lilya keinen Respekt, sodass es bereits innerhalb der Familie zu Streitigkeiten und Konflikten kommt. Das größte Problem ist jedoch der Bürgermeister Vadim (grandios gespielt von Roman Madyanov), der ein Auge auf Kolias Grundstück geworfen hat, um darauf ein „Kulturzentrum“ zu errichten. Kolia lehnt den anfangs vorgeschlagenen Kaufpreis ab, da dieser viel zu gering ist und der Automechaniker an dem Ort hängt, der sich seit Generationen im Besitz seiner Familie befindet. Daraufhin fährt der korrupte Amtsträger schwerere Geschütze auf und versucht Kolia juristisch zu enteignen- was aufgrund seiner Kontakte zu den Gerichten kein Problem darstellen sollte. In seiner Verzweiflung wendet sich Kolia an seinen Jugendfreund Dmitri (Vladimir Vdovitchenkov), einem gelernten Anwalt aus Moskau. Dieser will mit einer belastenden Akte den Bürgermeister zur Aufgabe zwingen, setzt jedoch dadurch und mit seiner Anwesenheit noch ganz andere Dinge in Bewegung……

Die Handlung des Filmes lebt von der detaillierten Darstellung der Charaktere und deren Interessen, was auch in der ausführlichen Etablierung der Figuren bemerkbar ist. Gerade zu Beginn wird Wert darauf gelegt, die Akteure in ihrem „normalen Umfeld“ zu erleben, bevor sich die Ereignisse zuspitzen. Dies hat zur Folge, dass gerade der Anfang des Filmes etwas langatmiger ist, man als Zuschauer jedoch einen näheren Zugriff zu den beteiligten Personen erhält und auch ihr Innenleben besser verstehen kann. Besonders der Bürgermeister Vadim wird sehr glaubwürdig als gnadenloser Machtpolitiker ohne Skrupel vermittelt, der sich für die Erreichung seiner Ziele für nichts zu schade ist. Auch aufgrund dessen Übermacht und der Unterstützung der Justiz und Polizei wirkt die rebellische Haltung von Kolia fast lächerlich. Doch der entschlossene Mann bleibt seinem Vorhaben treu, auch wenn die Vorzeichen noch so schlecht stehen. Gerade diese Standfestigkeit erregt beim Zuschauer eine Art der Bewunderung- trotz der scheinbar aussichtslosen Lage. Umso tiefer sitzen dann auch die Verluste, die er im Laufe des Konfliktes zu erfahren hat. Glaubhaft gemacht wird das durch die tadellose Leistung der beteiligten Schauspieler, die sämtliche Figuren glaubwürdig und realistisch wirken lässt.

Eines sollte einem jedoch zu Beginn bewusst sein- der Film ist keine heldenhafte Erzählung vom triumphalen Widerstand eines Einzelnen gegen die gnadenlose Übermacht. Das Auflehnen kostet Nerven, Energie, belastet die kleine Familie und führt im Laufe der Handlung auch zu Verlusten. Dem Zuschauer werden eindeutig die Kosten einer Rebellion gegen die Obrigkeit bedeutsam gemacht. Gleichzeitig ist der Film aber nicht dauerhaft deprimierend. Im Gegenteil, stellenweise weist der Film einen wunderbar zynischen und dunklen Humor auf, der einen angenehmen „Kontrast“ zu den bedrückenderen Szenen bildet. Das Gesamtbild von Leviathan ist somit eine gelungene Kombination von Drama und auflockernden Momenten, die dem gesamten Film einen natürlichen Eindruck vermitteln.

Die Schönheit des rauen Nordens

Worauf auch nochmals eingangen werden soll, ist die visuelle Gestaltung vom Leviathan. Der Film zeichnet sich, passend zu seiner Grundstimmung, durch eine tendenziell eher düstere und pessimistische Inszenierung aus. Die Orte sind teilweise rustikal und herunterkommen, es dominieren viele Grautöne und auch das Wetter ist oftmals nicht angenehm. Zwar besteht kein Vergleich zu dem Dauerregen wie in Sieben (1995) von David Fincher, doch Swjaginzew versteht es gekonnt alle Aspekte zum Stimmungsaufbau einzusetzen. Dennoch glänzt der Film auch mit seinen Landschaftsaufnahmen, die die raue Schönheit des Nordens oftmals eindrucksvoll vermitteln. Besonders die Szenen am Meer und seinen Klippen wirken gleichzeitig bedrohlich und ästhetisch- das wusste sehr zu gefallen! Als besonderes visuelles Highlight möchte ich hier noch die Schlussszene erwähnen, die gleichzeitig bizarr und dennoch majestätisch wirkt und damit auch die Situation am Ende des Filmes gut einfängt- zu viel möchte ich jedoch nicht verraten. Versteht es nur als Hinweis, besonders die finale Szene nochmal etwas genauer zu betrachten.

Positiv aufgefallen ist auch die Filmmusik, die die Stimmung des Filmes immer wunderbar einzufangen versteht. Verantwortlich hierfür zeigt sich Philip Glass, der sowohl sanfte als auch orchestrale Töne anschlagen lässt und die Geschehnisse damit stets passend untermalen kann. Zur deutschen Synchronisation kann ich leider noch keine Einschätzung geben, da ich den Film in der russischen Originalfassung mit Untertiteln gesehen habe. Die im Trailer gezeigten Sprecher erscheinen mir auf den ersten Blick jedoch zu den Figuren passend.

Fazit zu Leviathan

Leviathan ist kein Film für gute Laune und für schnell zwischendurch. Er setzt sich mit dem ernsten Thema des Kampfes gegen Korruption auseinander und zeigt auch schnonungslos die negativen Aspekte dessen. Gleichzeitig setzt er sehr stark auf die eindeutige Zeichnung seiner Charaktere und nimmt sich auch Zeit für die Etablierung dieser- was teilweise zu etwas langatmigeren Szenen führt, besonders im ersten Drittel des Filmes. Dennoch versteht er es gerade durch diese Bindung zu den Charakteren zu fesseln und zu überzeugen. Durch die Kombination guter Schauspieler, einer stimmigen audio-visuellen Umsetzung und einer zugrundeliegenden Botschaft kann ich Leviathan nur allen Freunden von Dramen an ihr Herz legen. Abzüge erhält der Film von mir aufgrund der – für meinen Geschmack- doch etwas zu trägen Einleitung, die wohl doch etwas kürzer hätte ausfallen können ohne einen Verlust an Charaktertiefe zur Folge zu haben.

(c) Central Film Verleih

Leviathan (2014): Kritik zum oscarnominierten Filmdrama
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  • Max Christ

    Der Film erleuchtet schon lange sehr hell auf meinem Radar. Nur leider läuft er – zumindest in meiner Gegend – gar nicht im Kino …