„Marketa Lazarová“ – Kritik zum tschechischen Filmmeisterwerk von 1967

Christian Neffe 24. November 2016 0
„Marketa Lazarová“ – Kritik zum tschechischen Filmmeisterwerk von 1967

Als „bester tschechischer Film aller Zeiten“ wird Marketa Lazarová beworben und von vielen Stellen gefeiert. Im kommenden Jahr feiert František Vláčils Werk seinen 50. Geburtstag – und startet hierzulande am 1. Dezember 2016 erstmals im Kino. Grund genug sich also einmal anzusehen, ob denn etwas an dieser Behauptung dran ist.

„Marketa Lazarová“ Poster – (c) Bildstörung

Europa im tiefsten Mittelalter. Die beiden Brüder Mikoláš (Frantisek Velecký) und Adam (Ivan Palúch) überfallen auf Geheiß ihres Vaters Kozlik (Josef Kemr) Reisende, damit ihre Siedlung in Zeiten von Armut und Hunger sowie angesichts des nahenden Winters überleben kann. Bei einem ihrer Raubzüge nehmen sie einen sächsischen Prinzen gefangen und fürchten nun – zu Recht – den Zorn seines herzoglichen Vaters. Während dieser eine Gruppe Soldaten losschickt, um den Sohn zu befreien, ersucht Kozlik Hilfe bei Lazar (Michal Kozuch), dem Herrscher einer benachbarten Siedlung. Lazar verweigert jedoch die Unterstützung, woraufhin Mikoláš, den er obendrein schwer verwundet, Lazars Tochter Marketa (Magda Vásáryová) entführt, die in wenigen Wochen ins Kloster gehen sollte. So nimmt das Unvermeidbare seinen Lauf.

Es ist ein reinrassiges Epos, das František Vláčils hier produziert hat: Ein Geschichte vom Machtkampf dreier Herrscher, die sich in Drohungen, Verschwörungen und Brutalität ergehen. Verrat, Liebe, Gewalt und Tod – in Marketa Lazarová steckt all das, was es für ein großes Werk braucht. Bis man jedoch erst mal dahintergestiegen ist, Figuren und Ereignisse korrekt einordnen kann, vergeht zunächst einige Zeit, so etwa eine Stunde: Mit modernen, von Hollywood geprägten Sehgewohnheiten, die ja vor allem auf visuelle und inhaltliche Kontinuität setzen, kommt man diesem Film nicht sehr weit. Stattdessen steht Marketa Lazarová vielmehr im Zeichen des russischen Formalismus, der in erster Linie auf visuelle Assoziationen setzt. Und so werden in den 160 Minuten Laufzeit immer wieder Haupthandlung, subjektive Einstellungen, Traumsequenzen, Rück- und Vorblicke (selten trennscharf) miteinander vermengt; Bilder der Natur, vom Tod und von Geschlechtsakten deuten über das rein inhaltliche hinaus und kreieren einen visuellen Rausch, der Freunden von Nicolas Winding Refn oder Terrence Malick noch am ehesten zusagen dürfte.

Als Romanverfilmung operiert Marketa Lazarová mit einer recht eindeutigen Einteilung in Kapitel, die allesamt durch Zwischentitel getrennt werden. Doch trotz dieser episodischen Struktur ergibt sich ein angenehmer Erzählfluss, was besonders an der Musik liegt, die stets einen perfekten Übergang zwischen den einzelnen Sequenzen schafft. Und die hat es wirklich in sich: Epochale Chöre dominieren die auditive Ebene und unterstreichen damit perfekt die von Gottesfurcht bestimmte Atmosphäre dieser kahlen, kaltherzigen Welt. Letztlich ist das dann auch der Kern des Films: Es geht um nicht weniger als die Ehrfurcht vor dem Allmächtigen und die Vergeltung, welche jene erwartet, die dessen Gesetze brechen. Sei es nun Raub, Mord oder der Diebstahl einer Jungfrau, die ihm versprochen wurde – die Strafe darauf lautet Verzweiflung, Leid und/oder Tod, oft auch für die vermeintlich Unschuldigen. Ob dieses ominöse „Allmächtige“ nun Gott oder Sozialismus heißt, ist unerheblich.

Fazit

50 Jahre – dieses Alter merkt man Marketa Lazarová fraglos an. Und im Gegensatz zu den alten Hollywood-Epen jener Zeit ist František Vláčils Film auch eine deutlich sperrigere Angelegenheit für westlich geprägte Sehgewohnheiten. Das soll der Klasse dieses Werkes jedoch keinen Abbruch tun: Marketa Lazarová ist nicht weniger als ein ästhetisch und atmosphärisch herausragender Film, dessen inhaltliche Essenz auch ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen noch zu beeindrucken weiß. Ein Werk für Mutige und filmhistorisch Interessierte – aber ein verdammt guter.

Bild & Trailer: (c) Bildstörung

„Marketa Lazarová“ – Kritik zum tschechischen Filmmeisterwerk von 1967
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