Meine Brüder und Schwestern im Norden – Kritik zum DVD-Start

Benedikt Brosowski 19. Februar 2017 0
Meine Brüder und Schwestern im Norden – Kritik zum DVD-Start

Sung-Hyung Cho ist gebürtige Südkoreanerin, lebt in Frankfurt auf und zählt rückblickend Nordkorea zu ihrer Heimat. Dazwischen passiert der Film Meine Brüder und Schwestern im Norden. Wie in den ersten Bildern angedeutet, musste Cho ihre ursprüngliche gegen eine deutsche Staatsbürgerschaft eintauschen, um einreisen zu dürfen. Strenge Restriktionen und ein im wahrsten Sinne des Wortes bemerkenswerter Führerkult, mit dem deutsche Staatsbürger schon lange nicht mehr direkt konfrontiert wurden, sind weitbekannte Eigenschaften des hermetisch kontrollierten Nordkorea. Daher ist Einreise und Drehgenehmigung um so erschwerter.

Nach jenen bürokratischen und ideologischen Hürden schauen wir Sung-Hyung Cho und ihren Begegnungen mit der Bevölkerung eines totalitären Staates zu. Sie trifft Bauern, Lehrerinnen, Schneiderinnen in einer Kleiderfabrik, Kinder im Kindergarten und Menschen in ihrer Wohnung. Natürlich alle von der nordkoreanischen Verwaltung ausgesucht. Über was spricht man aber mit einem Volk, von dem man eigentlich nichts weiß, nur ein verklärtes Bild durch die Außendarstellung Nordkoreas hat?

Hier hat Cho einen klaren Vorteil gegenüber anderen deutschen FilmemacherInnen – quasi einen Heimvorteil. Nord- und Südkorea verbindet eine gemeinsame Geschichte bis zur Spaltung. Sie haben eine gemeinsame Kultur, sprechen die gleiche Sprache und wollen auf das Gleiche hinaus: Eine Wiedervereinigung.

Sung-Hyung Cho hat es überrascht, dass sich alle ihre GesprächspartnerInnen mit diesem Thema ihr offen gegenüber beschäftigen. Ihre erfolgreichen Bemühungen, ehrliche Gespräche aufzubauen sind nicht zuletzt Chos Cleverness zu verdanken. Wie wir auf einem auf der DVD enthaltenen Interview (nur schriftlich) erfahren, überredete sie ihre nordkoreanischen Begleiter, den Interviews nicht beizuwohnen, um angespannte Propaganda zu vermeiden.

Nordkorea als cineastischer Gegenstand

Neben Im Strahl der Sonne bildet Chos Heimatfilm schon den zweiten Erfahrungsbericht von Filmemachern in Nordkorea im letzten Kinojahr. Aber auch in diesem Vergleich scheint Cho eine andere Herangehensweise aufzuweisen. Nach eigener Behauptung sei ihres das erste Filmteam, dass mehrfach das Land vorher besuchte und Recherche betrieb, bevor es mit den Dreharbeiten begann. Dadurch bekommen wir als ZuschauerInnen tatsächlich einen viel privateren Blick in das Leben der nordkoreanischen Bevölkerung. Im Strahl der Sonne ist ein sehr gutes Beispiel für eine einmalige Reise ins Land und die bekannte Abbildung der Diktatur. Allerdings ist in diesem Film die reflektierte Umsetzung beachtenswert. Obwohl das Filmteam für einen Dokumentarfilm Protagonisten, Szenen und Dialoge vorgeschrieben bekam, schafften sie es, zurück in Deutschland einen Off-Kommentar über die inszenierten Bilder zu legen, der uns (ähnlich wie ein Audio-Kommentar) die Hintergründe der jeweiligen Bilder und Situationen erklärt. Damit schafft man zwar eine deutliche Mystifizierung Nordkoreas, schafft aber einen erstaunenden Moment mit offener Kinnlade und schüttelnden Köpfen.

Sung-Hyung Cho ist selbst Protagonistin ©Kundschafter Filmproduktion GmbH

Sung-Hyung Cho ist selbst Protagonistin ©Kundschafter Filmproduktion GmbH

Sung-Hyung Cho hingegen weiß diese Mystifizierung zu entkräften, indem sie respektvolle Gespräche mit verschiedenen Menschen führt und daher genaue Prozesse und Abläufe außerhalb von Inszenierung erzählen kann. Es gibt eine Verlagerung des Wow-Effekts. Man sieht mit welcher Stringenz der Kommunismus und die Selbstaufopferung des Eigenen für die Gemeinschaft durchgeführt wird. Man sieht aber auch, welche Gedanken sich die Personen zum Umweltschutz und zum Völkerfrieden machen. Genau diese Entmystifizierung führt natürlich erstmal zu der Erkenntnis: „Das sind ja Menschen wie wir!“ Ebenso nimmt es aber die Spannung, wenn herauskommt: „Das sind ja Menschen wie wir.“ Sicherlich ist Ersteres für eine ausgewogene Weltsicht hilfreich und kann gar zur Völkerverständigung beitragen. Und die zweitgenannte Enttäuschung ist verständlich, aber nur hinsichtlich der nordkoreanischen Bevölkerung, die unbedingt als Menschen wie wir betrachtet werden müssen. Das Regime, die Totalität, die Propaganda, die Absurdität des Staatssystems bleibt erhalten. Sprich alles, was schon Im Strahl der Sonne so gut gefallen hat. Daher leiten sich auch die großartigsten Szenen des Films ab: synchron tanzende Frauen in der Kleiderfabrik während kurzzeitiger Pausengymnastik, synchron tanzende Kinder im Kindergarten, vom Führer begeisterte Fremdenführer und durch Eigenkot angetriebene Kochsysteme.

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Die letzte Auffälligkeit, die diesen Film betrifft, betrifft die Regisseurin selbst. Man erkennt sehr gut daran, dass es Sung-Hyung Chos eigene Reise nach und durch Nordkorea ist. Wir sehen sie oft als Gesprächspartnerin im Bild, mal als Beobachterin und selten auch als Mittanzende. Worum geht es aber in dem Film? Die Bloßstellung nordkoreanischer Behörden, die Im Strahl der Sonne überwiegt, können wir hier nur sehr reduziert wiederfinden. Ist es also simpel die persönliche Aufarbeitung historischer Diskrepanzen zwischen Nord- und Südkorea? Wer sich nicht entscheiden kann, welche Form der Darstellung für besser befunden wird, dem sei zuletzt der Duktus des Films verraten. Fast pädagogisch mutet ihre Begleitung durch den Film an, pädagogisch liest sich das angefügte Interview, welches mit zusätzlichen Szenen das einzige Extra auf der DVD bleibt, und schließt mit dem Satz: „Unser herkömmliches Bild über Nordkorea als ‚das absolut Böse‘, verrät eigentlich viel mehr über uns selbst als über das Land.“ Leider ein viel zu plakativer Satz, als dass er auch diese Filmkritik schließen könnte. Dennoch ist es richtig, sich die Frage stellen zu dürfen, ob uns das weltfremde oder das doch sehr menschliche Nordkorea besser gefällt. Am Besten gefällt beides zusammen.

Die DVD von Meine Brüder und Schwestern im Norden erschien mit den genannten Extras am 17.02.2017. Der Film ist auch als VOD verfügbar.

Bilder und Video: ©farbfilm Verleih & Kundschafter Filmproduktion GmbH / Affiliate Link

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