„Mommy“ Kritik: Xavier Dolans Drama über die Ambivalenz der (Mutter)Liebe

Florian Erbach 17. Mai 2015 0
„Mommy“ Kritik: Xavier Dolans Drama über die Ambivalenz der (Mutter)Liebe

Xavier Dolan gehört schon jetzt zu den prägendsten Regisseuren des „Gegenwartskinos“. Mit „I Killed My Mother“ wurde ihm – gerade einmal 18 Jahre alt – große Aufmerksamkeit zuteil und auch seine nachfolgenden Filme blieben seinem von Kritikern gefeierten Stil treu. Mit „Mommy“ (2014) erscheint nun sein neuester Film für das Heimkino, der neben vielen Preisen, auch den „Preis der Jury“ beim Filmfestival Cannes gewinnen konnte. Dolan hat mit Mommy ein außergewöhnliches, ein einfühlsames Drama um Liebe, Hoffnung und Scheitern inszeniert.

Im Zentrum der Geschichte steht Diane „Die“ Després (Anne Dorval), eine taffe und starke Frau, die nicht auf den Mund gefallen ist und sich durch das Leben schlägt. Gerade so funktioniert der Job, alles geht seine normalen Bahnen – als ihr Sohn wieder in ihr Leben tritt und ihre Kraft und Fürsorge fordert. Steve Deprés (Antoine-Olivier Pilon) ist nicht einfach, wie man wohl so schön sagen würde. Doch Steve ist mehr als das. Er leidet unter unkontrollierten Gefühlsausbrüchen, die sich mal in überschwänglicher Freude, ja fast euphorischen Verhalten äußern können, doch auch ebenso in Wut- und Gewaltausbrüchen. Als sich Mutter und Sohn annähern – Zuneigung und auch unbändige Wut empfinden – tritt Nachbarin Kyla (Suzanne Clément) in das Leben von Die und Steve. Sie hat ebenfalls mit Problem zu kämpfen und so bildet sich eine Dreiecksbeziehung, aus der alle Drei neue Kraft und Lebensmut schöpfen. Eine Flucht aus den bisherigen Verhältnissen, Hoffnung und am Ende doch bittere Erkenntnis.

mommy steve(c) Weltkino Filmverleih

Xavier Dolan versteht es die Probleme für den Zuschauer greifbar zu machen. Ähnlich wie bei A Single Man, wo das Bild sonst von Grautönen dominiert wird, jedoch bei Freude und schönen Momenten, von warmen Farben übersättigt wird, greift Dolan auf das Mittel ungewöhnlicher Bildsprache zurück und lässt den Betrachter die Enge spüren, die Diane „Die“ Després auch zu spüren scheint. Mommy ist fast ausschließlich im 5:4 Format zu sehen – mit Ausnahme der Momente, die von Glückseeligkeit, Unbeschwertheit und dem Entfliehen des Alltags geprägt sind. Dann verschwindet „das Schwarze“ und das gesamte Bild offenbart sich. Doch die schönen Momente sind rar gesät.

Mit Steve langweilt man sich nicht

Wie muss es einer Mutter gehen, die ihr Kind aufopferungsvoll liebt, doch mit dem, wie es ist, überfordert ist? Mommy gibt darauf eine von vielen möglichen Antworten und zeigt gleichermaßen die Ambivalenz von Liebe. Liebe ist ein zweischneidiges Schwert, wo Freude und Leid in sehr engen Bahnen nebeneinander verlaufen und schnell das eine oder andere Oberhand gewinnt. Da scheint es auch nicht ungewöhnlich, dass schöne und unbeschwerte Szenen von melancholischer Musik untermalt sind (Oasis – Wonderwall, Counting Crows – Colorblind). Will man sein eigenes Leben leben? Opfert man sich für seinen Sohn auf? Wie weit geht die Liebe?

Fazit: Mommy ist wunderbarer Film, der als Hommage an die vielen Mütter da draußen verstanden werden kann und ebenso als ein Zeugnis der Ambivalenz von Liebe. Kleinstadtproblematik und das harte Leben. Mommy ist Gegenwartskino wie es sein sollte: Starke Bilder, von Ästhetik und Gespür für den Augenblick geprägt, mit einem tollen Soundtrack und einer von Freude und Leid zerrissenen Geschichte.

Beitragsbild: (c) Weltkino Filmverleih

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