«Nur Gott kann mich richten» Kritik: Ein deutscher Gangsterfilm im Stil der Coen-Brüder

Eugen Zentner 5. Februar 2018 0
«Nur Gott kann mich richten» Kritik: Ein deutscher Gangsterfilm im Stil der Coen-Brüder

Nach seinem Debüt «Chiko» aus dem Jahr 2008 legt Regisseur Özgür Yildirim nun einen weiteren Gangster-Film vor. «Nur Gott kann mich richten» ist unterhaltsames Genre-Kino, das virtuos an «4 Blocks» anknüpft. Neben Drehbuch überzeugt vor allem die Besetzung, wobei zwei Darsteller hervorstechen.

Das deutsche Genrekino hat einen schweren Stand. Keiner führt es besser vor Augen als der Gangsterfilm. Wer einen Blick auf die Liste der Produktionen wirft, findet eine Handvoll Streifen, die dieses Label verdient haben. Thomas Jahns «Knockin‘ on Heaven’s Door» (1997) gehört jedenfalls nicht dazu, obwohl er oftmals in diesem Genre verortet wird. Fatih Akins «Kurz und schmerzlos» kommt ihm schon sehr viel näher. Doch auch er liegt mittlerweile dreißig Jahre zurück. Und dann sollte es eine Weile dauern, bis Özgür Yildirim 2008 mit seinem Debüt «Chiko» einen waschechten Gangsterfilm präsentierte. Ein weiteres Jahrzehnt später legt der deutschtürkische Regisseur noch eine Schippe drauf. Sein «Nur Gott kann mich richten» kommt härter, aggressiver und gewaltreicher daher.

Orientierte sich das Erstlingswerk noch stark an dem US-Klassiker «Scarface», bildet Yildirims jüngste Arbeit die deutsche Unterwelt weitaus authentischer ab. «Nur Gott kann mich richten» spielt im Frankfurter Milieu, in dessen Netz sich der Protagonist Ricky (Moritz Bleibtreu) nach fünfjährigem Gefängnisaufenthalt ein weiteres Mal verfängt. Dabei hat der Kleinkriminelle, als er aus der JVA in die Freiheit tritt, zunächst bürgerliche Pläne: ein Café auf Malta eröffnen, hart arbeiten und nebenbei die Sonne genießen. Leider fehlt das nötige Kleingeld dafür, weshalb sich Ricky an seinen Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) wendet, der ihm nach dem missglückten Raubüberfall vor fünf Jahren noch einen Gefallen schuldet. Der Gangster-Kollege würde sich ja gerne dafür erkenntlich zeigen, dass Ricky ihn nicht verpfiffen hat. Doch auch er ist alles andere als flüssig – trotz eigener Shisha-Bar. Dafür kann Latif mit einem Job aufwarten, einem todsicheren Ding, bei dem für beide eine hübsche Summe herausspringt.

Dass der scheinbar einfache Plan schiefgeht, gehört zu den Konventionen des Gangsterfilms. Ricky trifft das letzte Mal eine falsche Entscheidung und bringt dadurch einen verheerenden Mechanismus in Gang, der in die Katastrophe führt. Die Welle der Gewalt reißt alle mit, auch seinen kleinen Bruder Rafael (Edin Hasanovic), der zwar kein Unschuldsengel ist, sich aber von Ricky fernzuhalten versucht, um mit seiner Stripper-Freundin einigermaßen sorgenfrei leben zu können. Vergebens! In «Nur Gott kann mich richten» schlägt das Schicksal mit aller Härte zu. Der Versuch, ihm zu entkommen, ist zwecklos. Das hat etwas von einem Film der Cohen-Brüder, nur dass die Verwicklungen an die deutsche Lebenswirklichkeit angepasst sind.

Yildirim gelingt es bravourös, das kriminelle Milieu hierzulande realitätsgetreu darzustellen. Oft sind es die Details, die zu erkennen geben, dass sich der Regisseur in dieser Welt gut auskennt. Wie üblich stehen Themen wie Freundschaft, Liebe und Verrat im Vordergrund. Doch der Film geht darüber hinaus, wenn er zum Beispiel die kriminelle Energie von Institutionen beleuchtet, für die höchste ethische Anforderungen gelten. In Deutschland gab es vor wenigen Jahren einen Skandal um mehrere Transplantationszentren, die in Verdacht gerieten, Krankendaten manipuliert und auf diese Weise bestimmten Patienten gegen Bezahlung einen besseren Platz auf den Spenderlisten verschafft zu haben. Diese Bedingungen der medizinischen Zunft greift Yildirim in einem Nebenstrang um die Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) auf, die in die Haupthandlung entscheidend eingreift. Auch sie wird kriminell, weil ihre kleine Tochter schwer krank ist und dringend ein neues Herz braucht. Gegen 30.000 Euro ließen sich die Daten aber schnell manipulieren, flüstert ihr eine korrupte Ärztin zu. Dann würde die Tochter auf der Spenderliste weit vorrücken. Dieses unmoralische Angebot übt auf Diana große Attraktivität aus. Doch die Summe ist viel zu hoch, zumal sie nach der Trennung von ihrem Mann ohnehin reichlich Geldsorgen hat. Eine Lösung dieses Problems bietet sich, als Diana zufällig auf Ricky und dessen Bruder Rafael trifft.

In «Nur Gott kann mich richten» verwebt Yildirim Lebenswege, denen von Anfang an etwas Tragisches anhaftet. Der Film ist unterhaltsames Genrekino und emotionsgeladenes Sozialdrama zugleich. Er überzeugt mit einem raffiniertem Drehbuch, einer komplexen Handlung und einer erstklassigen Besetzung. Alle Darsteller verstehen es meisterhaft, ihren Figuren einen ambivalenten Anstrich zu geben. Hervorzuheben ist die Leistung der beiden Neuentdeckungen Edin Hasanovic und Kida Khodr Ramadan, die sich in diesem Genre wohlzufühlen scheinen. Anders als Bleibtreu, der zwar gewohnt zuverlässig auftritt, aber bisweilen zu professionell wirkt, verleihen sie ihren Figuren Street Credibility, ohne auf eigentümliche Charakterzüge zu verzichten, die man schon aus ihren früheren Rollen kennt. Während Hasanovic wie in «Auf kurze Distanz» und «You Are Wanted» zwischen Naivität und Aufmüpfigkeit changiert, ist Kida Khodr Ramadan der väterlich fürsorgliche, aber zugleich aggressive Kriminelle, den er auch in «4 Blocks» mimt. Es macht ungeheuren Spaß, diesen beiden Schauspielern zuzuschauen. Sie eignen sich nicht nur als Sympathie-, sondern auch als Hoffnungsträger des deutschen Gangsterfilms, der sich im internationalen Vergleich nicht zu verstecken braucht. Das hat «Nur Gott kann mich richten» eindrucksvoll bewiesen.

Kinostart: 25.01.2018

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