Operation Anthropoid (2016) – Filmkritik zum historischen Weltkriegsfilm auf DVD

Martin 4. Februar 2017 0
Operation Anthropoid (2016) – Filmkritik zum historischen Weltkriegsfilm auf DVD

Operation Anthropoid erzählt die non-fiktionalen Geschehnisse rund um die gleichnamige Attentatsmission auf den „Architekten“ der „Endlösung“, Reinhard Heydrich, inmitten des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung der Tschechoslowakei durch die deutsche Wehrmacht.

Historische Filme nehmen bereits einen (virtuellen) Authentizitätsvorsprung durch ihre Basiertheit in „wahren Begebenheiten“ für sich in Anspruch; filmische Umsetzungen können sich dabei durchaus auf diesen ausruhen, sie als Freifahrtschein für das Drehbuch bzw. den Film nutzen und daraus eine Daseins-, Qualitätsberechtigung sowie einen gewissen Unanfechtbarkeitsanspruch ziehen. Ob eine bloße Nacherzählung oder eine dramatische Überhöhung stattfindet, kann der Zuschauer aber faktisch kaum wissen. Egal welcher Fall zutrifft, ist es letztlich aber, wie bei anderen Filmen auch, eine Frage von Darstellung, Erzählung und weiteren Kriterien, die über die Qualität des Films und seine Fähigkeit, Emotionen zu wecken, entscheidet.

Dieses Vorgeplänkel soll erwähnt sein, um verständlich zu machen, dass es nicht die korrekte oder (bewusst) nur zu Teilen korrekte Darstellung der außergewöhnlichen Mission und ihrer Begleitumstände auf den in der Hierarchie „drittwichtigsten“ Nazi dieser Zeit ist nein, noch nicht mal, dass es sich überhaupt um eben diese Mission dreht, die über die Qualität von Operation Anthropoid entscheidet.

Der Einstieg ist aber jedenfalls gut geglückt. Die beiden Fallschirmspringer Jan Kubis (Jamie Dornan) und Josef Gabcík (Cillian Murphy) treffen aus dem Himmel herab und von der Quasi-Regierung der Tschechoslowakei in London beauftragt, in der Nähe Prags ein. Die Handheld-Kamera fängt anfangs nur den Rücken von Jan Kubis ein und zeigt in zeitüberbrückenden, relativ schnellen Schnitten, wie er landet, seinen Fallschirm versteckt und aufgeschreckt durch Geräusche im Wald seinen Begleiter sucht, der sich bei der Landung den Fuß aufgeschnitten hat. Schon in den ersten Szenen wird dem Zuschauer indirekt klargemacht, dass 1) keine Mission wie geplant läuft und 2) die beiden Hauptcharaktere nicht unbedingt ausgemachte „Profikiller“ sind – das trifft besonders auf Jan Kubis zu.

Im Hinblick auf diese Figurenkonstellation ist eine der positiven Überraschungen des Films, dass im weiteren Verlauf das moralische Pendel und der Aktiv- und Passiv-Part zwischen ihnen sich in verschiedenen Aspekten immer wieder verschiebt. Einer dieser Aspekte ist die Frage nach dem Auftrag, ihrer Rolle darin und den romantischen Verzweigungen daneben. Obwohl der Film zwar überzeugend klarmacht, dass es zu Zwecken der Tarnung zuträglich ist, dass die beiden Widerständler sich in der Öffentlichkeit mit Frauen zeigen, trägt das Drehbuch aber mit der Darstellung der Liebschaft zwischen Marie (Charlotte Le Bon) und Jan doch allzu dick auf. Nach kurzer Zeit ist sogar schon von Hochzeit die Rede. Andere dramatische Konflikte, wie zwischen dem Sohn der Familie, Ata, und dem Vater, Alois Moravec, bei denen sich Jan und Josef verstecken, wirken um ihrer selbst Willen in den Film manövriert und werden nie aufgelöst.

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Daraus ergibt sich eine Art Zweiteilung des Films: Vorplanung (mit romantischem Anteil) und Durchführung/Nachwehen des Attentats. Eine kohärentere, stringentere, insgesamt kürzere Spielzeit hätte dem Film merkbar gut getan. Stilistisch/technisch bleiben die Filmmacher über die gesamte Zeit dem Handheld-Stil fast immer treu. Erweist sich diese Technik im Vorspann und in actionreichen Szenen noch als gute Wahl, verfehlt sie kompositorisch in den ruhigen, sich vor allem im Haus der Moravecs abspielenden Szenen ihre Wirkung.

Ein Umstand, der wohl immer wieder diskutiert bleibt, ist das Einsetzen von offensichtlich nicht aus dem Land kommenden und in der Heimatsprache sprechenden Schauspielern. Operation Anthropoid löst diese Frage, in dem die Akteure in gebrochenem Englisch kommunizieren. Als Gegenfrage muss man jedoch stellen: Hätte der Film die gleiche Verbreitung, das gleiche Budget erhalten, wenn dem nicht so gewesen wäre? Letztendlich ist jedes cineastische Machwerk Produkt seiner existierenden und nicht vorhandenen Umstände und hätte in der Hand einer nicht-britischen Produktion natürlich anders ausgesehen.

Wo wir gerade bei Nicht-Existenz und ihrem Gegenteil sind, muss man auf Mission Anthropoid bezogen, ein dickes Plus und auch Minus hervorheben. Die Quasi-Nicht-Existenz des „Antagonisten“, Heydrich, auf dem Bildschirm (er wird nur sehr kurz und fast immer nur aus einer weiten Perspektive gezeigt) und der gewissermaßen nicht gezeigte Ausgang des Attentats spiegeln die Umstände wieder, in der sich die Widerständler tatsächlich befanden und lässt den Zuschauer ihre Situation gut nachvollziehen. Auf der anderen Seite macht das (surreale) Zeigen einer gewissen Figur am Schluss ein melodramatischeres Ende als es benötigt hätte und das sich der Film dort eigentlich schon zuvor „allein“ verdient hat.

Fazit

Operation Anthropoid ist ein solider historischer Streifen, der aber insgesamt zu sehr nach gängiger Hollywood-Manier gestrickt ist (Melodramatik, markige Dialoge, eine Menge Romantik), um einen wirklich bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Operation Anthropoid ist seit dem 27.01. auf Blu-ray und DVD erhältlich.

Deutscher Trailer:

Beitragsbild und Trailer: (c) Universum Film / *AffiliateLink

Operation Anthropoid (2016) – Filmkritik zum historischen Weltkriegsfilm auf DVD
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