„Savages“ Kritik: Sonnenschein mit Schattenseiten

Bernhard 16. Juli 2015 0
„Savages“ Kritik: Sonnenschein mit Schattenseiten

Oliver Stone, bekannt und gerühmt für das Anti-Kriegs-Meisterwerk „Platoon“ (1986), versucht seit Jahren mit mäßigem Erfolg, an sein frühes Genie anzuknüpfen. Mit dem Drogen-Thriller „Savages“ (2012) gelingt ihm dies wiederum nur bedingt, auch wenn der Film auf einigen Ebenen zu überzeugen weiß.

Ophelia (Blake Lively), von allen nur „O“ genannt, berichtet erzählend aus der Rückblende, was sie und ihre beiden Liebhaber Chon (Taylor Kitsch) und Ben (Aaron Taylor-Johnson) erlebt hat, nachdem sich die beiden „Indies“ (unabhängige Marihuana-Produzenten) mit einem mächtigen Kartell angelegt hatten.

Die beiden Sunnyboys leben in einer Dreiecksbeziehung mit „O“ reich und zufrieden am Strand von Laguna Beach, Kalifornien, und betreiben ein erstaunlich sauberes Drogengeschäft, unter anderem mit dem weltweit besten Marihuana. Das mexikanische Baja-Kartell bekommt davon Wind und möchte von der Expertise der beiden lernen. Ben und Chon wollen sich jedoch nicht mit den skrupellosen und brutalen Mexikanern einlassen, fingieren eine Zustimmung zu dem Deal und planen, zu dritt für ein Jahr nach Indonesien zu fliehen.

Am Tag des Abflugs wird dann aber „O“, der wichtigste Mensch im Leben der beiden Freunde, vom Kartell entführt und gefangen gehalten. Wütend und betroffen greifen die Partner zu Methoden, die sie zuvor noch nie nutzen mussten, um „O“ zu befreien.

In „Savages“ geht es vor allem um den Verlust von Maßstäben und das Überschreiten von Grenzen, die Entwicklung vom Menschen zum „Wilden“ (Savage): Ben, Pazifist, Buddhist, Entwicklungshelfer und Rasta, muss den Tod von Unschuldigen in Kauf nehmen und selbst töten. Chon, Afghanistan-Veteran, der Krieg vergessen wollte, wird erneut in einen hineingezogen. Und „O“, die reiche, sorglose Vorstadtprinzessin, muss in einer Zelle ohne Salat und Shopping-Malls hausen, umgeben von grobschlächtige Kartell-Schergen. Stone gelingt es, glaubhaft zu vermitteln, was für ein Schrecken die drei zuvor sorglosen, einfältigen Jungspunde fühlen und dass sie jeweils in Bereiche vordringen, die jedem einzelnen von ihnen vollkommen unbekannt waren.

Außerdem ist das Gangster-Universum von Stone bevölkert von skurrilen Charakteren, die wie Karikaturen der gängigen Klischees wirken. Da ist der korrupte, verzweifelte Cop Dennis (John Travolta), der mit allen Parteien etwas im Schilde führt, der brutale Kartell-Macho Lado (Benicio del Toro), dessen ekelhafte Sprüche und sadistischen Foltermethoden unvergleichlich sind, und die gesittete Chefin Madrina Elena (Salma Hayek), die das Kartell nur zwangsweise nach dem Tod ihres Mannes übernehmen musste.

Die hellen, bunten und kontrastreichen Bilder Kaliforniens stehen manchmal in geradezu ironischem Widerspruch zu den düsteren Gedanken, die in den Köpfen der Protagonisten kreisen. In Teilen erinnert die Darstellung von „Savages“ an „Alpha Dog“, weil die kalifornische Vorstadt-Fassade gnadenlos demoliert wird und die überforderten Jugendlichen mit der Wirklichkeit nicht mehr klarkommen. Insbesondere „O“, die vor dem geplanten Indonesien-Flug noch einkaufen geht und mit diversen Tüten am Arm durch eine Einkaufsmeile spaziert, zerbricht fast an der Härte, mit der sie behandelt wird, und verwandelt sich in ein seelisches Wrack.

Das gelungene Ende räumt auf einzigartige Weise mit den gängigen Drogen-Thriller-Finals auf und offenbart, dass fast nichts so ist, wie es scheint. Alles in allem könnte man bis hierhin meinen, „Savages“ sei ein ironisches Spaßstück, die üblichen Drogen-Klischees karikierend. In Teilen trifft diese Charakterisierung auch zu, aber die Schwäche von Stones Streifen liegt darin, dass er sich in zu vielen Szenen ernstnimmt und die Coolness zu oft aufgesetzt wirkt. Auch Erzählerin „O“ berichtet über Ereignisse, die sie unmittelbar betreffen und für immer verändern werden, wie eine unbeteiligte Außenstehende. „O“ ist charakterlich außerdem zu uninteressant und oberflächlich, als dass der Zuschauer mit ihr leiden und hoffen würde. Auch Chon zeigt nur seine Seite als Profi-Kampfmaschine, und so bleibt Ben die einzige Person des Dreiergespanns, die wirklich fesseln kann.

Die wahren Helden und Antihelden von „Savages“ sind eher Travolta als Dennis, der eine krebskranke Frau zu pflegen hat und feststellt, dass diese das letzte „reine“ war, was er auf der Welt gesehen habe, und del Toro als Lado, der es schafft, sich zum mit Abstand widerwärtigsten Schurken der letzten Jahre zu spielen.

Filmtechnisch fällt kaum etwas auf, die Action-Szenen sind ordentlich, aber nicht bemerkenswert. Heraus stechen nur eine nächtliche Autobahnfahrt, die mit einer bemerkenswerten Mischung aus Normaltempo und Zeitraffer gestaltet wurde, und der final Showdown heraus.

Als Fazit bleibt zu sagen, dass „Savages“ gerade für Fans von Kartell-Thrillern gute Unterhaltung bietet, leider aber zu selten die von Hollywood vorgegebenen, glattgeschliffenen Bahnen verlässt und folglich kaum Alleinstellungsmerkmale aufweist.

Video und Beitragsbild (c) Universal Pictures

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