Schmerzensgeld (2015): Kritik zur Direct-to-DVD-Produktion

Nils 6. Mai 2015 2
Schmerzensgeld (2015): Kritik zur Direct-to-DVD-Produktion

Wer schön sein will, muss leiden! Obwohl die Herkunft des bekannten Sprichworts nicht endgültig geklärt ist, verwenden wir es häufig und würde ihm einen gewissen Wahrheitsgehalt sicher nicht absprechen. Schön ist zumindest Alice (Juno Temple) aus „Schmerzensgeld“ bereits, sodass sie und ihr tollpatschiger Freund John (Michael Angarano) für ein anderes Bedürfnis leiden: Geld. Ramaa Mosleys Film, der bereits 2012 in den US-amerikanischen Kinos lief, begleitet das ungewöhnliche Paar, das sich einen Großteil seiner Zeit mit Sex und Videospielen vertreibt, auf ihre Reise in „die Welt des Schmerzes“. Die beiden jungen Erwachsenen, die eher wie zwei High-School-Teenager wirken, sind pleite: sehr pleite.

Da kommt es gerade recht, dass Alice in einem Antiquariat einen goldenen Teekessel stiehlt, der die finanziellen Sorgen der beiden zumindest vorläufig lösen soll. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass der Teepott nicht nur ein wertvolles Sammlerstück ist, sondern auch eine magische Eigenschaft besitzt: Seinem Besitzer „bezahlt“ er für Verletzungen und Schmerzen eine gewisse Summe Geld (so zum Beispiel 700$ für eine Verbrennung mit dem Glätteisen).

Kurze Zeit nach ihrer Entdeckung beginnen John und Alice also, sich wehzutun: Ob mit der Hand auf der Herdplatte, bei der Zahnbehandlung ohne Narkose oder wildem SM-Sex – den beiden ist keine Demütigung zu schade. Doch schnell beginnt die neue Einnahmequelle außer Kontrolle zu geraten: Orthodoxe Juden mit Schlagstöcken tauchen auf, ein mysteriöser Chinese bietet seine Dienste an und dann ist da noch der schmierige Arnie (Billy Magnussen), der hinter das Geheimnis des plötzlichen Reichtums der beiden kommen will.

Macht Geld gierig?

Während sich die ersten 30 Minuten lediglich durch einen raffinierten Vorspann und passende Musik (der Film zeigt, dass es nicht immer Hans Zimmer sein muss, um eine stimmungsvolle Atmosphäre zu erzeugen) auszeichnet, wird der Streifen zum Ende hin besser – wenn auch nicht wirklich gut. Besonders Angarano passt in die Rolle des liebenswerten Losers und stellt ein moralisches Gegengewicht zu seiner immer raffgieriger werdenden Freundin dar, die im Laufe der gut 100 Minuten von einer süßen Rebellin zur knallharten Sadistin mutiert, ihre Seele verkauft und dabei auch nicht davor zurückschreckt, übe Leichen zu gehen.

Die Frage nach Moral ist zweifelsohne eine, die trotz der vordergründigen Lacher und Absurditäten omnipräsent ist. So finden Alice und John nach einiger Zeit heraus, dass der Teekessel auch für das Leid, das andere in seiner Nähe erleiden, bezahlt und nutzen diesen Umstand schamlos aus. Interessant ist auch das Konzept, dass nicht nur physische Schmerzen belohnt werden, sondern die „Wunderlampe“ auch seelische Verletzungen in Geld aufwiegt. Aus dieser Tatsache heraus thematisiert die Story auch die Frage, wie weit ein Mensch für Geld geht, wie ehrlich Freundschaft und Liebe sind und stellt dabei die Beziehung der beiden Hauptfiguren auf die Probe.

Auch ergeben sich aus der Geldgier und der moralischen Fragwürdigkeit der beiden selbstverständlich genügend Gelegenheiten für Gags und Witze, die ihr Ziel selten verfehlen. Besonders amüsant sind in diesem Zusammenhang die Sessions von John und Alice, in denen sie beispielsweise mit Hammer und anderen Utensilien am Küchentisch sitzen oder sich auf einem Spaziergang Gemeinheiten um die Ohren hauen. Auch das Ende, das eine Auflösung des moralischen Dilemmas sowie der physischen Ermüdung der beiden verspricht, und von der Kritik als zu moralisierend bezeichnet wurde, wirkte auf mich passend und gab dem Streifen einen akzeptablen Abschluss.

schmerzensgeld_scene1Wer reich sein will muss leiden / © 2015 Pandastorm Pictures

Low-Budget-Film mit erheblichen Schwächen

Dass es sich bei „Schmerzensgeld“ um einen Low-Budget-Film handelt merkt man allerdings schnell. An sich wäre das kein Problem, schade ist allerdings, dass sich dieser Umstand auch auf die deutsche Synchronfassung niederschlägt, die besonders für die große Zahl derjenigen wichtig ist, die einen Film nur schauen, wenn er denn auch in Deutsch vorliegt. Für mich resultierte die unpassende und wenig überzeugende Sprecherwahl darin, dass ich nach fünf Minuten zur englischen Version wechselte – was der Sache auch keinen Abbruch tat.

Aber auch abgesehen von technischen Nachlässigkeiten entpuppt sich „Schmerzensgeld“ als seichte Komödie mit cleverem Konzept, die allerdings viel Potenzial vertut. Der storytechnische Ansatz ist spannend, allerdings nicht zu Ende gedacht: So wird versucht, zu viele verschiedene Handlungsstränge und Herausforderungen unter einen Hut zu bringen, was dazu führt, dass die Geschichte zwar schnell und dynamisch erscheint, ab einem gewissen Punkt allerdings unglaubwürdig und fehlerhaft wirkt. Es zeigt sich, dass Geschwindigkeit eben nicht alles ist und Dynamik erst eine solide Grundlage benötigt. Sehr unwahrscheinlich scheint beispielsweise, dass John und Alice die unerwartete Fähigkeit des Teekessels so schnell verstehen und ohne größere Umschweife akzeptieren und nutzen. Umso ironischer wirkt es dann auch, wenn Alice in der Mitte des Films und als der Kessel selbst von einem darüber fahrenden Auto nicht zerstört wird, lauthals ausruft: „Das ist unmöglich!“ – An dieser Stelle kann man sich als Zuschauer nur schwer ein „Das ist ihr aber früh aufgefallen“ verkneifen.

Definitiv kein Blockbuster

Was ist also von „Schmerzensgeld“ zu halten? Da es sich in Deutschland um eine Direct-to-DVD-Produktion handelt, stellt sich die Frage des Kinobesuchs nicht. Und selbst wenn der Streifen auf großer Leinwand laufen würde, würde ihn das nicht besser machen. Kommt man günstig an die DVD oder sollte „Schmerzensgeld“ bald bei Netflix laufen, wird man sicher nicht enttäuscht. Obwohl der Produktion kein großes Budget zur Verfügung stand, hat man von anderen Regisseuren schon wesentlich besseres im Low-Budget-Bereich gesehen. So bleibt „Schmerzensgeld“ seichte Unterhaltung mit stark vorhersehbaren, aber trotzdem witzigen Szenen und Gags, die allerdings nicht aus der breiten Masse des Komödienmarkts heraus sticht. Mit ganz viel gutem Willen kann man Ramaa Mosleys Werk allerdings vielleicht auch als Karikatur auf das Schicksal vieler Undergraduates in den USA sehen, die sich trotz eines langen und vor allem teuren Studiums von Praktikum zu Nebenjob hangeln und sich dabei für einen Hungerlohn auch physisch ruinieren.

Der Film startet in Deutschland am 5. Mai 2015, allerdings lediglich auf DVD.

Beitragsbild: © 2015 Pandastorm Pictures

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