«Spielmacher» Kritik: Frederick Lau in den Fängen der Wettmafia

Eugen Zentner 12. April 2018 0
«Spielmacher» Kritik: Frederick Lau in den Fängen der Wettmafia

Entschied er früher Spiele auf dem Platz, übt er nun von außen Einfluss auf sie aus: In seiner Rolle als Ex-Fußballer begibt sich Frederick Lau in die Unterwelt der Wettmafia. Doch irgendwann wird er selber zum Spielball.

Ein Spielmacher, so heißt es im Fußballjargon, ist der entscheidende Mann auf dem Platz. Er überblickt das Feld, bereitet die Angriffe vor und agiert als Taktgeber. Er verteilt die Bälle, koordiniert das Defensiv-Verhalten und setzt die Strategie um. Kurzum: Er macht das Spiel, so wie der Name es schon sagt. Spätestens seit dem Wettskandal 2005 weiß jedoch jeder, dass Fußballspiele in der heutigen durchökonomisierten Sportwelt zunehmend nicht von innen, sondern von außen gemacht werden. Das gilt insbesondere für den Amateurbereich, der größtenteils unter dem Radar der Ermittler bleibt.

Diese Lücke weiß das organisierte Verbrechen gut zu nutzen. Für die Kriminellen sind Fußballspiele in den unteren Ligen ein gefundenes Fressen. Sie bestechen Schiedsrichter, kaufen Spieler, schüchtern Trainer ein, setzen Talent-Recruiter auf ihre Gehaltsliste und manipulieren, wo es nur geht, um mit Einsätzen auf Echtzeit-Ereignisse das ganz große Geld zu machen. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es sich um Erwachsenen- oder Jugendspiele handelt. Wettmafiosi kennen keine Skrupel, wie Timon Modersohns «Spielmacher» deutlich vor Augen führt.

Der Regisseur nimmt sich eines brisanten Themas an, das Philipp Kadelbach bereits vor zwei Jahren mit seinem Fernsehfilm «Auf kurze Distanz» aufgegriffen hat. Stand hier noch ein von Tom Schilling gespielter Polizist im Vordergrund, der sich als verdeckter Ermittler in den Kreis einer serbischen Wettmafia einschleust, verstrickt sich in «Spielmacher» ein ehemaliger Fußballer in dieser Welt. Dass er überhaupt hineingerät, liegt an seiner kläglichen Lebenssituation. Ivo (Frederick Lau), einst ein erfolgreicher Torjäger, hat erst seine Haftstrafe abgesessen und versucht nach der Entlassung finanziell über die Runden zu kommen. Doch alle Versuche scheitern. Entweder geben Arbeitgeber dem Ex-Sträfling keine zweite Chance oder nutzen seine Situation aus. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sein fußballerisches Know-how in einem Wettbüro zu Geld zu machen. Dort lernt er den Deutsch-Kroaten Dejan (Oliver Masucci) kennen, einen charismatischen Unterweltpaten, der ihn nach und nach in das Schattenreich des Sports einführt.

Abseits dieser Welt lungert Ivo am Fußballplatz seines früheren Vereins herum, wo er den talentierten Nachwuchsspieler Lukas kennenlernt. Der Teenager erinnert ihn stark an sich selbst, weshalb er dem jungen Fußballer Tipps zu geben beginnt, wie sich Gegner auf dem Spielfeld effektiver ausschalten lassen. Die Beziehung der beiden gewinnt in der Folge an Tiefe. Während Ivo Lukas trainiert, verliebt er sich am Spielfeldrand in dessen Mutter Vera (Antje Traue).

Es bedarf keiner überschäumender Fantasie, um zu ahnen, wie die Handlung weiter verläuft: Ivo erlebt einen Höhenflug, privat wie geschäftlich. Erfahrene Kinogänger wissen jedoch, dass schon bald die Klippe kommen muss, an der es für den Protagonisten wieder abwärts geht. Die Probleme beginnen, als die beiden Welten aufeinanderprallen und Ivo selber zum Spielball wird. Es ist eine konventionell erzählte Geschichte, die sich an bewährte Muster hält. Trotz der stark vorhersagbaren Handlung gelingt es dem Film aber dennoch, genügend Spannung aufzubauen, so dass man als Zuschauer zu keinem Zeitpunkt das Interesse verliert. Das ist auch ein Verdienst Frederick Laus. In «Spielmacher» zeigt der deutsche Schauspieler seine ganze Klasse. Dabei sind es besonders die leisen Momenten, in denen Lau über sich hinaus wächst. Charme und Melancholie vermischen sich derart, dass Ivo in vielen Szenen stark und gebrochen zugleich wirkt.

Genauso wie Lau kommt der ganze Film ohne Brimborium aus. Obwohl «Spielmacher» die brutale Welt der Wettmafia zum Gegenstand hat, spart Regisseur Timon Modersohn mit Actionszenen und schnellen Schnitten. Das hat stellenweise Züge eines Spielfilms, der dem Vorgänger «Auf kurze Distanz» ähnelt, sich jedoch dadurch abgrenzt, dass er auf die Sicht der Polizei komplett verzichtet. «Spielmacher» ist kein Krimi, sondern ein Gangsterfilm, einer, in dem Kritik an der gegenwärtig brüchigen Rechtschaffenheit mitschwingt.

Erst kürzlich erschien die sechsteilige Netflix-Dokumentation «Dirty Money», die vom Diesel- Skandal bis hin zur perfiden Praxis großer Pharmakonzerne vorführt, welch kriminelle Ausmaße der Kapitalismus angenommen hat. Daran knüpft «Spielmacher» nahtlos an. Es ist ein Film über die soziale Kälte unserer Zeit und die Rücksichtslosigkeit, mit der heutzutage illegal das schnelle Geld gemacht wird. Ein unterhaltsamer Thriller, der zum Denken anregt.

Kinostart für „Der Spielmacher“ ist der 12. April.

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