Stoker (2013) Kritik: Melancholisch – düster – verführerisch

Mirjam Maier 5. November 2016 0
Stoker (2013) Kritik: Melancholisch – düster – verführerisch

Chan-wook Park dürfte einigen hierzulande vor allem durch die Filme Oldboy und Lady Vengeance bekannt sein. Mit Stoker präsentiert er seinen ersten englischsprachigen Film und dieser gestaltet sich als ein Psychothriller in schönster Film noir Manier.

Atmosphärisch dicht und mit symbolträchtigen Bildern erzählt Stoker die Geschichte von India Stoker (Mia Wasikowska), die ihren Vater auf tragische Weise bei einem Autounfall verliert. Was India in ihrer Trauer bleibt sind vor allem die Erinnerungen an ihre gemeinsamen Jagdausflüge. Wunderbar inszeniert Chan-wook Park vergangene Zeit, indem er India aus den immer gleichen Schuhen, die sie zum Geburtstag in neuer Größe bekommt, einen Halbkreis um sich herum bauen lässt. Alleingelassen mit ihrer psychisch labilen Mutter Evelyn (Nicole Kidman) ist sie auf dem Weg erwachsen zu werden und größere Fußstapfen auszufüllen. India präsentiert sich dabei als kein gewöhnliches Mädchen. Ihre Sinne sind schärfer als die anderer Menschen. Sie hört Dinge, die anderen verborgen bleiben. Etwas Mystisches und gleichzeitig Bedrohliches umgibt ihre unschuldige Erscheinung. Visualisiert wird dies zum Beispiel durch eine Spinne, die sich ihren Weg an dem blassen Mädchenbein hinauf bahnt.  India scheint mit ihrer züchtigen Kleidung an ihrer Schule wie aus der Zeit gefallen, doch ihre Andersartigkeit fügt sich ganz natürlich in den Film ein, ohne konstruiert zu wirken. Ihr Zuhause, das ebenfalls anmutet als gehöre es in eine ganz andere Epoche, strahlt eine Mischung aus Kälte und Wärme aus wie India selbst. Sie erinnert ein wenig an Lewis Carrolls Alice – Wissbegierde und Neugierde begleiten sie, eingefasst in eine sanfte Melancholie. Eben diese Eigenschaften konkurrieren im Kampf, den Pfad der Unschuld nicht zu verlassen, als ihr junger und gutaussehender Onkel Charlie (Matthew Goode) die Bildfläche betritt und die Stimmung im Haus der Familie mit sexueller Spannung geradezu auflädt. Er scheint in Indias Seele blicken zu können, sich wie ein lang verschollener Meister seiner Schülerin annehmen zu wollen und beide verstricken sich in ein blutiges Spiel, das teilweise anmutet als wäre es aus einem Film von Hitchcock entsprungen. Es sei eine Szene in der Dusche erwähnt, die mörderische Lust mit sexueller Begierde auf eine fantastische Art und Weise verbindet, die dem Altmeister des Thrills alle Ehre macht.

Mia Wasikowska ist die Rolle der India wie auf den Leib geschrieben und bis jetzt vielleicht sogar ihre beste Rolle. Die schleichende Veränderung Indias portraitiert sie mit angemessener Subtilität, deren gesamtes Ausmaß den Zuschauer am Ende des Filmes mit voller Wucht trifft. Nicole Kidmans Evelyn erinnert in Teilen an ihre Rolle der Grace Stewart in The Others und bietet gewohnt gute Schauspielunterhaltung. Wie ein Fremdkörper fügt Indias Onkel Charlie sich in das Leben der beiden Frauen ein und Matthew Goodes Darstellung sowie Wentworth Millers (Prison Break) herausragendes Drehbuch sorgen dafür, dass diese Ambivalenz den Zuschauer erreicht. Stoker ist ein ruhiger Film, der seine Kraft aus Bildern, die ihre ganz eigene Symbolsprache haben, schöpft. Diese begleiten die Narration des Films wie eine Geschichte in der Geschichte, die zwischen den Zeilen versteckt darauf wartet, entdeckt zu werden. Das macht Stoker zu einer wahren Perle unter den subtilen Psychothrillern.

Beitragsbild (c) Twentieth Century Fox

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