„Suite Francaise“: Kritik zum Weltkriegsdrama mit Michelle Williams

Nadine Emmerich 11. Januar 2016 0
„Suite Francaise“: Kritik zum Weltkriegsdrama mit Michelle Williams

Verbotene Liebe: Michelle Williams kommt im Weltkriegsdrama „Suite Francaise“ der horizontalen Kollaboration nahe

Horizontale Kollaboration: Der Begriff wurde im Zweiten Weltkrieg geprägt und bezog sich auf französische Frauen, die während der deutschen Besatzung Affären mit deutschen Soldaten hatten. Solch verpönte Liebesbeziehungen gibt es in der Romanverfilmung „Suite Francaise“ des Briten Saul Dibb („Die Herzogin“) so einige. Und das ist auch schon der Knackpunkt des Dramas mit Michelle Williams und Matthias Schoenaerts in den Hauptrollen: Die Leinwandadaption des von den Feuilletons gefeierten Buches von Irène Némirovsky verkommt ein wenig zur Schmonzette.

Die Handlung spielt im Sommer 1940: Die von ihrem Vater verheiratete Lucile Angellier (Williams), die im Märchen wohl die Attribute gütig und herzensgut bekäme, wohnt bei ihrer herrischen Schwiegermutter Madame Angellier (Kristin Scott Thomas), ihr Mann Gaston kämpft im Krieg. Das Leben auf dem Land nahe Paris ist beschaulich, die Familie ist vermögend – und die dominante Madame Angellier bei den Pächtern unbeliebt.

Die Idylle ist vorbei, als Kriegsflüchtlinge im Dorf eintreffen, Frankreich kapituliert, und ein deutsches Regiment in Bussy stationiert wird. Wie viele Familien müssen auch die Angelliers einen Soldaten aufnehmen: den Offizier Bruno von Falk (Schoenaerts). Für Madame ist klar, dass sie den „Feind“ mit Missachtung strafen wird. Doch von Falk passt nicht ganz ins Raster des bösen Nazi-Schergen. Er ist kultiviert, von Haus aus Komponist und spielt spätabends auf Luciles Klavier.

Der Fortgang der Geschichte, die Politisches und Historisches leider weitgehend ausblendet, ist schnell klar. Die frühere Musikstudentin Lucile, einsam ohne den Gatten, der sie ohnehin betrügt, fühlt sich mit jedem Klimpern des Offiziers mehr zu diesem hingezogen. Von Falk ist indes zwar nicht knallhart und emotionslos, führt angeordnete Hinrichtungen jedoch brav aus. Und Lucile ist im tiefen Zwiespalt, welcher der mehrfach Oscar-nominierten Williams natürlich sehr hübsch zu Gesicht steht: Kann der Feind auch Mensch und liebenswert sein?

Aufgewertet wird die etwas klischeehafte Geschichte einer verbotenen Liebe, die im Dorf skeptisch oberserviert wird, indes durch ihre Darstellerriege. Neben Williams, Schoenaerts und Scott Thomas dürfen Sam Riley („Control“) und Alexandra Maria Lara, seit 2009 verheiratet, gemeinsam vor der Kamera agieren, wenn auch nicht als Paar. Riley spielt den nach einem Unfall hinkenden Franzosen Benoît Labarie, der in Notwehr einen deutschen Soldaten (Tom Schilling) umbringt. Um dafür nicht selbst mit dem Tod bestraft zu werden, flieht er – und wird von Lucile versteckt. Das liebe Mädchen kann nämlich auch auf tough umschalten. Und das ist nicht die einzige Wendung eines Charakters im Film.

Die Buchvorlage war auf fünf Bände angelegt, die jüdische Autorin Némirovsky konnte aber nur zwei abschließen, bevor sie 1942 in Auschwitz starb. Erst mehr als 50 Jahre später wurden ihre Aufzeichnungen entdeckt – und zum Bestseller.

Kinostart ist der 14. Januar 2016.

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