„The Promise – Die Erinnerung bleibt“: Liebesdrama im historischen Gewand

Christian Neffe 16. August 2017 0
„The Promise – Die Erinnerung bleibt“: Liebesdrama im historischen Gewand

Am 17. August, fast ein Jahr nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen in Toronto, startet The Promise – Die Erinnerung bleibt auch in den deutschen Kinos. Ein mutiger Film, könnte man sagen – oder aber einer, der schon lange überfällig war. Denn natürlich gibt es bereits Filme, die den Völkermord an den Armeniern behandeln – am prominentesten wohl Fatih Akins „The Cut“ und Atom Egoyans „Ararat“ –, das große Hollywood jedoch hielt sich zu diesem Thema bisher aber erstaunlich bedeckt. The Promise verspricht mit seiner Starbesetzung, endlich der große Mainstreamfilm zu werden, der dieses dunkle Geschichtskapitel in die breite Öffentlichkeit trägt.

Die Welt im Krieg

1914 stehen die Zeichen auf Krieg. In Europa toben bereits die ersten Schlachten, das osmanische Reich ist nur noch wenige Monate vom Kriegseintritt entfernt, wird aber bereits von den Deutschen umworben und mit Ausrüstung beliefert. Fernab der politischen Verstrickungen in der Hauptstadt verdingt sich der Armenier Mikael Boghosian (Oscar Isaac) in seinem Heimatdorf als medizinische Hilfskraft und verlobt sich mit der Frau eines wohlhabenden Mannes aus seinem Dorf, um dank der Mitgift Medizin in Konstantinopel zu studieren.

„The Promise – Die Erinnerung bleibt“ Poster – (c) Capelight Pictures

 

Dort angekommen überschlagen sich bald die Ereignisse: Der US-amerikanische Reporter Chris Meyers (Christian Bale) rechnet fest mit dem baldigen Kriegseintritt der Türkei und einem damit verbundenen Genozid an den lokalen Minderheiten. Seine Frau Ana Khesarian (Charlotte Le Bon), laut Drehbuch ebenfalls Armenierin (eigentlich Kanadierin), arbeitet derweil als Tanzlehrerin im Hause von Mikaels Onkel – eine Romanze bahnt sich an. Ein halbes Jahr später geschieht schließlich das, was Meyers kommen sah: Kriegseintritt, Minderheitenverfolgung, Enteignung, Vertreibung und Völkermord.

Historiendrama à la Hollywood

The Promise entpuppt sich als typisches Historiendrama à la Hollywood: Streng chronologisch und dialoglastig erzählt, auf persönliche Schicksale beziehungsweise Schicksalsschläge fokussiert, klare Einteilung in „Gut“ und „Böse“. Das Drehbuch bemüht sich erst gar nicht zu erklären, wieso es die Armenier mit solcher Härte traf, woher der Hass seitens der Türken kommt – außer vielleicht des Geldes wegen. Die moralischen Positionen sind deshalb ganz klar: Türken böse, Armenier und Amerikaner gut. Christian Bale steht stellvertretend für letztere und gibt zugleich die einzige halbwegs ambivalente Figur des Films ab: Ein cholerischer Trinker, der seinen Job als Journalist jedoch derart ernst nimmt, dass er mehrfach in Schwierigkeiten gerät – und damit einen politischen Seitenhieb zu einem ganz ähnlich gelagerten, aktuellen Fall bildet. Dennoch kommt Bales Figur nur knapp über den Status eines Klischees hinaus.

Einen gänzlich anderen Typus Mensch macht da der eigentliche Handlungsträger, verkörpert durch Oscar Isaac, aus. Wobei „Handlungsgetragener“ wohl passender wäre, da Isaacs Figur größtenteils zur Passivität verdammt ist. Der Film verweigert ihm sogar die letzte Gelegenheit, sich seine Finger schmutzig zu machen – und das trotz zahlreicher persönlicher Schicksalsschläge, die dem Zuschauer ein ums andere Mal im Halse stecken bleiben.

In die Zurschaustellung dieser historischen Begebenheiten, dieser unfassbaren Grausamkeit grätscht jedoch die aufgeblähte Liebesgeschichte rund um Mikael hinein. Verlobt mit einer Frau, die er nicht kennt, verliebt in eine Frau, die bereits verheiratet ist – dieser zeitlose, universelle Konflikt bildet über weite Strecken das eigentliche Dilemma von The Promise und drückt damit den interessanteren, historischen Aspekt der Handlung arg in den Hintergrund. Denn angesichts dessen, was hier eigentlich passiert, erscheinen diese getragenen romantischen Passagen ziemlich banal und berauben den Film seiner Dynamik. The Promise ist mit seinen 130 Minuten deshalb nicht nur objektiv, sondern auch gefühlt um gut 20 Minuten zu lang.

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„The Promise – Die Erinnerung bleibt“ – (c) Capelight Pictures

Fazit

The Promise hätte ein wirksames Historien-Drama über ein Thema werden können, das heute aktueller denn je erscheint. Der Film will politisch sein, aufrütteln und ein dunkles Kapitel der türkischen Geschichte in der Erinnerung halten. In seinen besten Momenten gelingt ihm das dank bedrückender Inszenierung und überzeugender Schauspieler auch. Die romantischen Verstrickungen der Hauptfigur allerdings lähmen das Erzähltempo und bekommen zu viel Platz eingeräumt, sodass sich der eigentliche Aufhänger der Geschichte – ein Völkermord mit mehr als 1,5 Millionen Toten – eher als Mittel denn Zweck der Erzählung anfühlt. The Promise ist damit zwar kein schlechter Film – aber einer, der hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

„The Promise – Die Erinnerung bleibt“ startet am 17. August 2017 in den deutschen Kinos.

Bilder & Trailer: (c) Capelight Pictures

„The Promise – Die Erinnerung bleibt“: Liebesdrama im historischen Gewand
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