The Sea of Trees Kritik: Zum Sterben in den Wald

Jonas Gröne 25. Januar 2017 1
The Sea of Trees Kritik: Zum Sterben in den Wald

Der Nebentitel baut ihn auf „Liebe wird dich nach Hause führen“, das Skript lässt ihn fallen. The Sea of Trees ist ein schwacher Film über den Aokigahara-Regenwald, über das Paradies zum Sterben. Viel Drama steckt drin, aber keine Seele. Gus Van Sant inszeniert mit dem 2015er Debüt in Cannes wohl seinen schlechtesten Film.

Den See von Bäumen gibt es tatsächlich. Kilometerweite Regenwaldlandschaft, erfüllt von meeresgroßer Grüne, die sich der Weite und dem Firmament erstreckt. Er heißt Aokigahara und befindet sich am japanischen Fluss des Fuji, in dessen Gebiet auch die Narusawa-Eishöhle liegt. In den 1960er Jahren machte der Aokigahara Regenwald allerdings ganz andere Schlagzeilen: Suizidenten pilgerten ins grüne Meer, um sich einer Romanfigur assimilierend in den Tod zu stürzen. Das kennt man von Goethe: Dem Werther gleich ins Jenseits! Hunderte verzeichnete Selbstmorde, Dunkelziffer und zahlreiche weitere Versuche, die Aokigahara zum populären Sterbeparadies stillisierten, sind keine Fiktion, kein posthumanistischer Mythos. Im Roman (Der Wellengang) führt unglückliche Liebe die Protagonistin zum Sterben ans Flussufer. In Van Sants Drama The Sea of Trees ist es die Schuld.

Gus van Sant (Good Will Hunting, Milk) erzählt die Geschichte von Schuld und dessen Erlösung dem tragischen Sujet verwandt mit musikalischer Melancholie und dramaturgischen Flash-Backs. Arthur (Matthew McConaughey) verliert seine erkrankte Frau Joan (Naomie Watts) und will das letztgegebene Versprechen einlösen, wenn er stirbt, dann an einem schönen Ort, dem Paradies. In trostloser Mimesis erleben wir Wissenschaftler Arthur zu Beginn des Films. Auf dem Weg zum Flughafen lässt er das Auto mit Schlüssel steckend einfach stehen, wandert zum Ticketschalter, steigt ins Flugzeug und fliegt nach Japan. Im Aokigahara Regenwald ist es dann so weit. Eine Pille, etwas Wasser, die nächste Pille. Mit dem Leben soll kurz nach Joans Beerdigung Schluss sein.

Dabei wirkt eine drückende und zugleich lähmende Tristesse, die die Anfangsszenen mit zu den stärksten macht. Leider wohl zu den einzigen. Denn all das, was The Sea of Trees danach veranstaltet, ist ein verblassend abfallendes Kauderwelsch aus unsauber verworrenen Figurendrama und Inkohärenz. Der extravagante Cast, darunter Ken Watanabe, kann auch durch Performance nicht wettmachen, was das Skript versiebt. Während in den Rückblenden die Ehe von Arthur und Joan aufgearbeitet wird, kämpft sich der egozentrische Wissenschaftler gegenwärtig mit dem gestrandeten Takumi (Ken Watanabe) durch den Regenwald, denn der Pfad scheint verloren.

Das wirkt so wenig narrativ verlässlich, wie wenn Arthur beim obsoleten Lagerfeuer (gehört doch zu einem Abend der Verlorenen) durch Takumis verbale Stupser augenblicklich Einkehr erhält. Schuld, so denkt Arthur, trägt er, weil er Joan schlecht behandelte. Merkwürdigerweise wiegt die Schuld bald gar nicht mehr. Es bedarf, den Fehlern der Vergangenheit einmal Stimme zu geben, scheinbar reicht das. Eine obligatorische Feststellung, aus der die Idee des Suizids gleich verworfen wird? Das soll jetzt keineswegs so klingen, als wolle man, dass Arthur sich das Leben nimmt, aber so unbegründet in Lebensphilosophie schwadronierend einen Lebensentschluss absagen, ist mehr erfüllte Illusion, als Realität. Wie schade, dass Van Sant nicht statt verbrühte Tuchfühlung die elementare Frage abhandelt, die dem Menschen heute wie gestern noch so unergründlich scheint: Besitzt der Mensch eine Seele? Der Regisseur verschließt davor seine Augen, denn ein ganzer Wald voll Seelen liegt vor ihm.

Dem Gespür Van Sants entgeht scheinbar auch eine vom Drehbuchautoren Chris Sparling vergossen inszenierte Figurentechnik. Da nützen auch keine niedlich eingeschenkten Ankedoten wie die der ewigen Blume, die im Regenwald für eine vergangene Seele steht. Das kleine Dschungelabenteuer scheint im Ganzen dann mehr Flucht vor der Handlung, die sich zum Schluss mit zwei kleineren Twists zu schmücken versucht. Wohlmöglich sollte zu fix ein suizidales Drama über den Aokigahara-Regenwald her, denn The Sea of Trees hat am Stoff ganz schön zu beißen.

The Sea of Trees ist seit dem 13. Januar 2017 auf DVD und Blu-ray erhältlich.

OT: The Sea of Trees (2015)

Regiesseur: Gus van Sant

Länge: 110 Minuten

 

Beitragsbild: © A24

The Sea of Trees Kritik: Zum Sterben in den Wald
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  • Jonas Gröne

    Schau ihn dir gerne an! Du kannst ja dann mal schreiben, wie du ihn fandest :)