„The Tribe“: Kritik zum ukrainischen Taubstummen-Film

Christian Neffe 15. November 2015 0
„The Tribe“: Kritik zum ukrainischen Taubstummen-Film

This film is in sign language. There are no translation, no subtitles, no voice-over.“ Das sind die ersten und – abgesehen vom Titel und Abspann – auch die einzigen Worte, die uns in „The Tribe“ präsentiert werden. Man möchte ob dieser vollkommen anti-mainstreamigen Prämisse die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Noch so ein experimenteller Arthouse Film! Und ja, „The Tribe“ ist experimentell. Ohne Frage außerdem sperrig und nichts für den Gelegenheits-Kinogänger. Aber auch ein faszinierender, weil gänzlich außergewöhnlicher Film.

Schweigen ist Gold

Um eines direkt klarzustellen: „The Tribe“ ist kein Stummfilm. Er enthält eine Tonebene, nur eben keine verbale sondern eine, die sich in Gänze auf Hintergrundgeräusche beschränkt. Keine Musik, keine gesprochene oder geschriebene Sprache. Allerdings schließt allein das Vorhandensein dieser auditiven Ebene bereits aus, dass „The Tribe“ für ein exklusives Publikum – diejenigen, die Gebärdensprache beherrschen – gemacht wurde. Im Gegenteil: Gerade diejenigen, die nicht zu diesem Personenkreis gehören, erwartet mit „The Tribe“ ein absolut ungewöhnliches, neuartiges Seherlebnis.

Wie wichtig Ton und besonders Sprache für einen Film sind, muss hoffentlich niemandem mehr erklärt werden. Selbst der klassische Stummfilm hatte das seinerzeit erkannt und versuchte, seine technischen Beschränkungen durch Live-Musik und Zwischentitel zu kompensieren. „The Tribe“ nun besinnt sich, so könnte man sagen, auf das Essentielle des Mediums Film: die Bildebene und die Montage. Er macht sich selbst zu einem Rätsel, das vom gebärdensprachen-geschulten Zuschauer problemlos verstanden werden kann – von allen anderen jedoch erst gelöst werden will und muss. Dieser Schritt ist nicht nur mutig, sondern fordert uns als Publikum dazu heraus, diesen Film einzig anhand seiner Bilder zu entschlüsseln. Das sollte jedem, der dem Gezeigten halbwegs aufmerksam folgt, auch gelingen, wenn auch nur auf Grundlage des eigenen Wissens um gebräuchliche narrative und filmische Muster. Wenn man also kritisch ist, dann muss man zumindest mokieren, dass dieser Film erzählerisch nur funktioniert, weil es so viele andere Filme gibt, in denen der Plot von „The Tribe“ bereits erzählt wurde.

Ein audiovisuelles Rätsel

Gerade dieser Rätsel-Charakter verbietet es eigentlich, ausführlich auf die Handlung des Film einzugehen. Es sei immerhin so viel gesagt: Die Geschichte dreht um den jugendlichen Neuzugang an einer ukrainischen Taubstummenschule, wo er in die kriminellen Machenschaften einiger Mitschüler verwickelt wird. Der Verzicht auf gesprochene Sprache liegt also wenigstens im Setting des Films begründet und wirkt deshalb nicht vollkommen gekünstelt (auch wenn manche Geräusche scheinbar herausretuschiert wurden). „The Tribe“ zeigt dabei, wie effektiv die Reduktion eines bestimmten filmischen Elements sein kann: Wenn dann mal doch etwas zu hören ist – sei es ein ekstatisches Stöhnen, der erschreckend dumpfe Klang eines Schlages oder ein schmerzerfüllter Schrei – dann hat dies umso mehr Wirkung. Der Höhepunkt des Ganzen ist eine schier endlose, unfassbar unangenehm anzuschauende Szene, die jeder halbwegs normale Zuschauer nicht ertragen dürfte, ohne seinen Blick abzuwenden und sich bestenfalls noch die Ohren zuzuhalten. Welcher Film hat das letzte Mal so etwas geboten?

Was an „The Tribe“ ebenfalls heraussticht, ist seine Kameraarbeit. Passend zum Tonus des Films, ist die nämlich äußerst ruhig und schnittarm. Es gibt Film, bei denen die ein oder andere Plansequenz heraussticht. „The Tribe“ hingegen besteht ausschließlich aus solch langen, schnittbefreiten Einstellung, die nahezu nie kürzer als eine Minute sind – das drei- bis fünffache ist hier schon eher die Regel. Möglich wird das allerdings auch nur, weil die Kamera in den besonders langen Einstellungen auf einem einzigen Punkt verweilt. Regelmäßig gibt es dann aber doch Schwenks, horizontale Fahrten und Tracking Shots, die beweisen, dass Regisseur Miroslav Slaboshpitsky und seine Mitstreiter ihr Handwerk beherrschen.

Fazit

„The Tribe“ ist ein Film, den man auf zwei Weisen betrachten kann. Entweder als einen, der einen altbekannten Plot erzählt, dies aber auf eine völlig außergewöhnliche Art und Weise tut – oder als einen, dessen Form, dessen Machart es zwangsläufig verlangt, eine solch altbekannte Geschichte zu erzählen. In jedem Fall ist er ein absolutes, filmisches Individuum. „The Tribe“ ist ein anstrengender und bisweilen auch höchst unangenehmer Film. Ihn zu lieben ist ebenso legitim, wie ihn abgrundtief zu verachten. Und dennoch ist es einer, den jeder, der auch nur einen Funken daran interessiert ist, ein wenig in die Tiefen dieses Mediums einzutauchen, unbedingt sehen sollte.

Trailer & Beitragsbild: (c) Rapid Eye Movies

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