Time Out of Mind (2014) Kritik – Richard Gere in den Straßen Amerikas

Max Christ 1. November 2015 0
Time Out of Mind (2014) Kritik – Richard Gere in den Straßen Amerikas

Vor dem Supermarkt, am Bahnhof, in Einkaufsstraßen und Parks. Musik spielend, Pfand sammelnd, mit einem leeren Pappbecher, einer Mütze oder mit der blanken Hand um Geld bittend. Mit Decke und Hund, in der Gruppe oder ganz alleine. Obdachloser, Penner, Bettler – wie man diesen Teil unserer Gesellschaft nun bezeichnen möchte. Sie sind ein Hindernis, sind uns im Weg, so nervig wie die Kassiererin mit ihrer ewigen, aufgezwungenen Frage nach Mitgliedskarten und Treuepunkten. Wer diese Personen sind, warum sie sich in dieser Lage befinden, ist eine Frage, die – wenn überhaupt – nur kurz auftritt, vielleicht mit ein klein bisschen Mitleid, dann aber sofort verpufft. So ist leider die traurige Bilanz.

Nach Schätzungen von Wohlfahrtsverbänden sind in Deutschland ungefähr 800.000 Menschen obdachlos – jeweils ein Drittel Männer, Frauen und Kinder. Hinzu kommen noch knapp eine Millionen, die davon bedroht sind. 1% der Bevölkerung ist auch in den Vereinigten Staaten ohne gesichertes Heim. Vor allem Großstädte wie Los Angeles oder New York sind hiervon betroffen. Genaue Zahlen sind dies hingegen abermals nicht.

Einen Einblick in die Welt jener Menschen zu geben, versucht der Film „Time Out of Mind“ mit Richard Gere in der Hauptrolle. Mit welchen Mitteln er dies versucht und ob er dabei erfolgreich ist, erfahrt ihr in der nachfolgenden Rezension.

Am I homeless? Am I homeless? We don’t exist!

George war einmal ein Teil der Gesellschaft, hatte Arbeit, Freunde, Haus und Familie. Heute ist er Teil von keinem Teil, ist arbeitslos, die Flasche ist sein einziger Freund, er wird aus seiner Bleibe geschmissen und hat allen Kontakt zur Familie verloren. Mit der Einstellung, er sei doch gar kein Obdachloser, sondern nur vorübergehend ohne Heim, beginnt das harsche, wechselhafte Leben auf der Straße.

Richard Gere verkörpert seinen Charakter äußerst überzeugend. George ist eine Person, die sich auf der einen Seite am liebsten von der ganzen Welt abschotten würde, dann aber wiederum die Nähe zu flüchtigen Bekannten und Familie sucht. Schicksalsschläge und etliche Fehler haben den Boden unter seinen Füßen einbrechen lassen, dessen darauffolgender langer Fall und harter Aufprall, jegliche Hoffnung und jeden Funken von Selbstvertrauen zerschlugen.

In gleichem Maße wie Richard Gere sich seine Rolle einverleibt, dominiert die Umwelt über George als Person an sich. Vor allem in der ersten Hälfte der 120 Minuten, liegt der Fokus des Geschehens auf der Gesellschaft und der Stadt. Als Stilmittel, den Obdachlosen als unbedeutend, von der Masse geringschätzt und verschluckt darzustellen, dominieren Wände, Straßen voller Leute oder Türen das Bild. Oft wird dem Zuschauer die Handlung nur durch Fenster oder Zäune präsentiert. Die sehr lauten Alltagsgeräusche und Gespräche von, für die Handlung meist, unwichtigen Passanten – ob Streitereien oder banale Dialoge – im Vordergrund verstärken diesen Effekt und lassen Richard Gere und seinen Charakter als ungewollten Nebendarsteller wirken. Im späteren Verlauf des Films wechselt der Bildschwerpunkt, wodurch cineastisch-symbolisch die Festigung von Geres Charakter dargestellt wird.

Die Aufgabe, das Leben eines Obdachlosen darzustellen, erfüllt „Time Out of Mind“. Vor allem Richard Gere und die oben genannte Kamera- als auch Tonarbeit sind hierbei zu loben. Der Film malt ein graues, nüchternes Bild der Gesellschaft und hält dadurch der Gesellschaft, beziehungsweise dem Zuschauer im Speziellen, einen Spiegel vor. Als kleine Charakterstudie funktioniert das Werk und ist – wenn man sich für die Thematik interessiert – zu empfehlen.

Ab 9. November 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich!

(c) IFC Films

Time Out of Mind (2014) Kritik – Richard Gere in den Straßen Amerikas
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