Tschick Kritik: Auf in die Walachei

Jonas Gröne 27. März 2017 0
Tschick Kritik: Auf in die Walachei

Auf in die Walachei! Moment! Gibt’s die eigentlich?

Aus dem Berliner Milieu in die periphere Provinz! Ab geht’s! Freiheit, Freundschaft und die Ballade Pour Adeline von Richard Clayderman. Das hat Stil. Denn Stil hat so gut wie alles in diesem Film. Die Rede ist von Tschick. Ein Film, dessen Prämisse dem coming-of-age und road movie schmeichelt, aber bei Weitem nicht gerecht wird. In den 93 Minuten, in denen sich Tschick misst, sind Momente begriffen, die von Mut zeichnen, von Draufgängern und von Außenseiten erzählen und sich so ergiebig in Lebensfreude baden, dass der eigene Fuß schon selbst am Gaspedal hängt.

Dass sich dieser Film so anfühlt, wie er es tut, und zwar lebensnah und echt, liegt vor allem an zwei Menschen: Wolfgang Herrndorf und Fatih Akin. Es war Herrndorfs letztes Werk. Dem Schriftsteller gelang mit Tschick ein überraschend großer Erfolg in Deutschland. Grund genug für Akin, den Erfolgsroman zu adaptieren. Im Geiste ist Akin der Buchvorlage treu geblieben. Die Geschichte ist genauso inszeniert und fokussiert worden, wie sie es hätte werden sollen.

Im Berliner Ortsteil Marzahn geht der 14-jährige Maik Klingenberg (Tristan Göbel) zur Schule. Ein waschechter Langweiler, so sein Selbstbild. Später gewinnt er noch das Attribut Psycho, als der langhaarige Typ Außenseiter in seinem Aufsatz von des Mutters Beautyfarm vorliest. Psycho, weil die Beautyfarm eigentlich eine Entzugsklinik ist. Mutter Klingendorf ist en passant von Hobby Alkoholikerin. Der Vater in gewisser Weise Geschäftsmann (Die Affäre ist als Geschäftstermin maskiert). Eines Tages kommt dann der Neue. Andrej Tschichatschow. Maik wird ihn Tschick taufen. Das spricht sich einfach besser. Schlampiger Aufzug, flapsiges Auftreten, hin und wieder besoffen: Will er selbst erzählen, woher er kommt?, fragt der Lehrer. Gelassen abwinkend – Machen sie mal. Das ist Tschick: Ein russischer Spätaussiedler. Sein Hintergrund wird nur angerissen.

Im Roman landet er dann in der letzten Reihe, im Film gleich neben seinem neuen Kumpanen Maik, der Tschick so gar nicht ausstehen kann: „Tschick war ein Asi. Und genau so sah er auch aus. Ich hatte einen extrem unguten Eindruck, wie er da neben Wagenbach stand. Zwei Arschlöcher auf einem Haufen“, erzählt Maik. Die subjektive Sicht auf die Ereignisse war ein Markenwert im Roman. Akin setzt dazu die filmisch adäquaten Zeichen, wenn der Regisseur off-voices, subjektive Nahaufnahmen und musikalische Stimmungsuntermalung zur leitenden Erzählform bestimmt. Die Atmosphäre des Romans überträgt sich fließend.

Dass Tschick nicht wirklich ein Spast ist, zeigen seine zwar launenhaften, aber doch auch guten Noten. „Übertrieben geile Jacke“, protzt der Russe nach Schulende gen Maik, der aber nur Kopf dafür hatte, auf Tatjanas Geburtstagsparty eingeladen zu werden. Achja, Tatjana. Das war sein Engel. Was er nicht alles dafür gegeben hätte. Natürlich kommt alles anders.

Er wurde natürlich nicht eingeladen. Und saß in den Sommerferien allein im Haus (Vaters Geschäftstermin und Mutters Beautyfarm). Der Roman nimmt sich hier Zeit und lässt Maiks Gefühlschaos eindrucksvoll eskalieren. Im Film wird hingegen leider nur ein bisschen das Bett verrückt. Klingt niedlich. War es leider auch. Den Riss in Tatajanas Geburtstagsgeschenk gibt’s trotzdem. Dann taucht Tschick auf. Mit dem Lader. Genauso cool und locker wie im Roman gibt Newcomer Anand Batbileg einen originalen Tschick. Nachdem die zwei sich nach einer für sie ziemlich mutigen Aktion endlich gefunden hatten (Tatjanas Geburtstagsparty), beschließen die neuen Busenfreunde einen Trip. Auf in die Walachei, die es wohlmöglich gar nicht gibt. Wer vermag das schon zu wissen? Vielleicht Tschicks Onkel. Vielleicht.

Was folgt ist ein lebensecht, kunterbunt gezeichnetes Jugend-Abenteuer, das mit so viel Spaß und Witz glänzt, dass sich der Zuschauer bald selbst in die eigene Jugend zurückerinnern will. Akin inszeniert die Buchvorlage dabei entscheidend mit einer breiten Auswahl von bekannten Songs und einem personifizierten Score, der sich nicht in den Stimmungen verfängt, sondern eben diese erst ausmacht. Die Musik wird im Film zu einem narrativen Element, zu einem Stimmungsverstärker, der so passend eingesetzt ist, dass die Farbe des Films bald schon eine musizierende ist.

Es gibt aber auch Momente im Film, die sich manchmal einfach besser lesen, als gucken lassen. Das etappenhafte Erzählen im Film ist legitim, doch gibt es bisweilen auch Stellen im Film, die ohne die tief subjektive Sicht der Romanfigur nicht ganz in dem Maße auskommen, wie es der Roman geschafft hat. Da liegen dann die Grenzen des Films und des Filmischen an sich.

Zwar kann Akin den weitreichenden Geist des Romans vermitteln, dass die Welt, die im jugendlichen Format da übertragen wird, im Weiten übereinstimmt, doch das ausgefeilte emotive Verständnis der Figur Maik Klingenberg gelingt so nicht vollkommen. Diese im Grunde tragische Figur eines Außenseiters, der sich im Wesen als etwas Niederes begreift, aber nach einer besseren Stellung sinnt, es allein wohl nicht schaffen wird. Wie der geistige Anreiz, der Lebensimpuls, kommt dann Tschick, der ihn aus der Gewohnheit in ein Abenteuer reißt und ihm das ermöglicht, was man Leben nennt. Das Leben als Abenteuer. So kann Tschick fast schon als eine zweite Hälfte Maiks gesehen werden, der ihn braucht, um das zu schaffen, wozu er allein nicht imstande ist.

Tschick ist aber keinesfalls der Aggressor in Maik, der ihn zum rebellierenden Draufgänger macht. Er ist ein Freund, der ihm zeigt, was Leben bedeutet, denn Tschick zeigt auch die Grenzen. Auf die Idee Maiks bei Tankleere, einfach ein Auto zu klauen, entgegnet Tschick: „Hast du einen Arsch offen? Wir können nicht jedes Mal, wenn der Sprit leer ist, ein neues Auto klauen.“

Der Film ist gespickt mit Witz, Charme und Stil. Wie kongenial die jungen Schauspieler ihre Charaktere auslegen, ist hervorragendes Schauspiel. Akin gelingt mit Tschick eine großartige Romanverfilmung. Der Regisseur ist seinem Vorlagengeber Herrendorf in dem Geiste treu geblieben, wie es das Buch verdient hat. Nur ein Trip durch die Provinz will Tschick gar nicht sein. Dieser Film ist so viel mehr. Und das zeigt er in vielen Momenten.

Trailer in Deutsch:

OT: Tschick (International: Good Bye, Berlin)

Regisseur: Fatih Akin

Buchvorlage: Wolfgang Herrendorf

Länge: 93 Minuten

 

Beitragsbild: © STUDIOCANAL

Tschick Kritik: Auf in die Walachei
5 (100%) 1 vote