„Utøya 22. Juli“: Kritik des Berlinale-Wettbewerbsfilms über eine nationale Tragödie

Nadine Emmerich 20. Februar 2018 0
„Utøya 22. Juli“: Kritik des Berlinale-Wettbewerbsfilms über eine nationale Tragödie

72 Minuten können furchtbar lang sein – vor allem 72 Minuten in Todesangst. Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat einen solchen Ausnahmezustand auf die große Leinwand gebracht, indem er eine nationale Tragödie verfilmte: die Anschläge des Rechtsextremisten Anders Breivik, der im Sommer 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen tötete, die meisten von ihnen Jugendliche eines Feriencamps. In „Utøya 22. Juli“, der im Berlinale-Wettbewerb um einen Bären konkurriert, fokussiert sich Poppe auf die Ereignisse auf der kleinen Insel. Mehr als eine Stunde lang feuerte Breivik dort mindestens 187 Mal auf die jungen Leute – und exakt so lange ist auch das Publikum den Dutzenden Schüssen in der ohne einen einzigen Schnitt gedrehten Szene ausgesetzt.

Als der Film beginnt, ist im Osloer Regierungsviertel gerade eine Bombe explodiert und hat acht Menschen getötet. Die fiktive Hauptfigur Kaja, ihre Freundinnen und Freunde haben von den Ereignissen mitbekommen, sind geschockt, rätseln über Täter und Motive. Dann ist es auch mit der Idylle auf der 30 Kilometer entfernten Insel vorbei: Junge Menschen kommen schreiend aus dem Wald gerannt, erste Schüsse sind zu hören. Panik bricht aus, Verstecke und Fluchtwege zwischen Bäumen und Klippen werden gesucht. Die Jagd des unbekannten Todesschützen auf seine verstörten Opfer beginnt. Im Film bleibt der Attentäter derweil unsichtbar, taucht erst am Ende ein Mal kurz als Schatten in der Ferne auf. Poppe konzentriert sich allein auf die Campteilnehmer, ihre Angst vor der diffusen Bedrohung, die Hoffnung auf Rettung.

Es ist schwer vorstellbar, dass Überlebende oder Angehörige von Getöteten es ertragen können, diesen Film zu sehen, der auch ohne brutale Gewalt zu zeigen so schmerzhaft nah an den Horror herangeht. Er habe „Utøya 22. Juli“ jedoch für die Opfer gedreht, sagte Poppe bei der Vorstellung des Attentatsdramas in Berlin. Wenn es um den 22. Juli 2011 gehe, dann meist um den Terroristen, nicht um die Opfer. Was auf der Insel geschehen sei, dürfe aber nicht in Vergessenheit geraten. Zugleich habe er beobachtet, wie sich der Neonazismus in Europa quasi täglich ausbreite. Mit „Utøya 22. Juli“ habe er auch warnen wollen, wohin dies führen könne. Er habe die tödliche Jagd auf die jungen Menschen in Echtzeit inszeniert, um intensiv deutlich zu machen, wie lange die rund 500 Teenager das Ungeheuerliche erleiden mussten.

„Wenn es nicht mehr weh tut, den Film zu sehen, dann ist es zu spät“

Poppe und seine Drehbuchautoren arbeiteten für den Film eng mit Überlebenden zusammen, die Story basiert auf ihren Schilderungen, wurde jedoch fiktionalisiert: Eltern sollten nicht das Gefühl haben, ihr Kind werde auf der Leinwand abgebildet. Seine Darsteller suchte der Regisseur akribisch und landesweit. Mit Erfolg: Hauptdarstellerin Andrea Berntzen (19) trägt den Film komplett auf ihren Schultern, der Zuschauer verfolgt die Flucht vor dem unsichtbaren Mörder durch ihre Augen. Bei den Proben und Dreharbeiten war übrigens immer ein Psychologenteam dabei, um die jungen Schauspieler im Blick zu haben und ihnen bei Bedarf zur Seite zu stehen.

Poppe räumte ein, einige Kritiker empfänden den Film knapp sieben Jahre nach den Attentaten als zu früh. Aber: „Wenn es nicht mehr weh tut, den Film zu sehen, dann ist es zu spät“, betonte er. Ob man die traumatischen Ereignisse vom 22. Juli 2011 als spannenden und krassen Thriller darstellen darf, kann kontrovers diskutiert werden – und wurde es bei der Berlinale bereits. Derweil ist es Poppe gelungen, eine Botschaft über seinen Spielfilm hinaus zu vermitteln. Unweigerlich lässt seine aufwühlende Produktion auch an andere Terrorakte denken – und schildert unmittelbarer als jeder Augenzeugenbericht, was Dutzende Menschen weltweit in den vergangenen Jahren durchgemacht haben.

Kinostart: Noch kein Starttermin in Deutschland

Foto: Agnete Brun

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